Erzähl mir alles
Das Personal der früheren Romane (zuletzt: „Am Meer“, BP/mp 24/464), tritt auch hier wieder auf. Ob es die alte Olive Kitteridge ist, ehemalige Lehrerin, jetzt Heiminsassin in Crosby, dem fiktiven Ort in Maine, ob Bob Burgess mit Ehefrau; Charlene
Bibber, Beach (Bitch) Ball, Janice Tucker und weitere bekannte Protagonisten:innen erscheinen auf der Bildfläche. Es geht wieder viel ums Erzählen. Es geht um den Alltag der Figuren und immer wieder auch um die mehr oder weniger dramatischen Ereignisse, die das Leben eben so mit sich bringt. Aber als eine alte Frau aus dem Ort plötzlich verschwindet, wird der Alltag nun doch außergewöhnlich emotional aufgerüttelt. Bob Burgess, der frühere New Yorker Anwalt, nimmt sich der Sache an. Als die Frau in einem Steinbruch tot aufgefunden wird, will eine ehrgeizige Staatsanwältin unbedingt den Sohn Matt anklagen, obwohl es an stichhaltigen Beweisen fehlt. Bob gelingt es, Matts Unschuld zu beweisen. Durch dieses Ereignis kommen nun manche Begebenheiten aus der Vergangenheit wieder hoch, die von mehreren Leuten teils in unterschiedlicher Darstellung geschildert werden; es gibt viel Gesprächsstoff. Bobs Zuneigung zu Lucy Barton, die aber nur platonisch bleibt, ist immer wieder Teil der Erzählung. Bei den Gesprächen ist auch immer wieder die politische Situation in dem gespaltenen Land Thema. Angesichts des Ukraine-Krieges und anderer Katastrophen fragen sich die Protagonisten immer öfter nach Sinn und Zweck des Daseins, ihres Daseins. Die Autorin schildert die Verwerfungen der Gesellschaft auch und gerade in den USA. Hauptaugenmerk wird auf die Alltagsgeschichten, auf das normale Leben, gelegt. Gelegentlich fällt es etwas schwer den Überblick bei der Fülle der Figuren nicht zu verlieren. Ein Buch, das sich trotz der eher unterschwelligen Dramatik sehr gut liest. Nicht nur die ohnehin schon überzeugten Leser der Barton-Romane werden diesen Roman wertschätzen. Bestens einsetzbar.
Erwin Wieser
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Erzähl mir alles
Elizabeth Strout ; Deutsch von Sabine Roth
Luchterhand (2026)
392 Seiten
fest geb.