Ein klarer Tag
Schottland im Jahr 1843, das Land wird von zwei dramatischen Entwicklungen gebeutelt: Zum einen der große Bruch in der Schottischen Kirche. Ein Drittel der Pfarrer lehnt sich gegen die Amtskirche auf, da diese das Patronatssystem institutionalisiert
hat: Schottische Großgrundbesitzer dürfen selber den Pfarrer wählen und dessen Lebensunterhalt finanzieren. Die Abtrünnigen gründen die neue schottische Freikirche, die unter ärmlichsten Verhältnissen wächst. Zur selben Zeit erlebt die sog. "Clearance" ihren Höhepunkt: Großgrundbesitzer dürfen willkürlich einzelne Kleinbauern, ja ganze Dörfer von ihrem Besitz vertreiben, um dann dort großflächig Schafzucht zu betreiben. Die Folgen sind eine Massenverarmung, Hungersnöte und eine große Emigrationswelle. Pfarrer John Ferguson gehört zu den rebellischen Geistlichen. Doch um den Lebensunterhalt für sich und seine Frau zu bestreiten und eine neue Gemeinde aufbauen zu können, geht er sozusagen einen Pakt mit dem Teufel ein: Er soll im Auftrag eines der Großgrundbesitzer Ivar, den letzten Verbliebenen, von seiner unwegsamen, hoch im Norden gelegenen Insel im Shetland-Archipel wegschaffen. Als Ferguson auf der Insel ankommt, hat er einen schweren Unfall. Er wird von Ivar, der Johns Auftrag nicht kennt, liebevoll gesund gepflegt. Langsam lernt John den schweigsamen Ivar kennen. Es entsteht eine subtile Freundschaft, die schließlich sogar in einer körperlichen Annäherung mündet. Da erscheint Johns Frau Mary auf der Insel, die sich große Sorgen um ihren Mann gemacht hat. – Mit einem anschaulichen, fesselnden Stil beschreibt die Autorin die raue Landschaft der Hebriden und das karge, aber dennoch glückliche Leben Ivars. Und mit großer Empathie erzählt sie von der allmählichen Annäherung zweier zunächst überaus unterschiedlicher Menschen, ohne dass es je peinlich oder kitschig würde. Dieser Roman wird jedem, der ihn gelesen hat, lange im Gedächtnis bleiben.
Günter Bielemeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Ein klarer Tag
Carys Davies ; aus dem Englischen von Eva Bonné
Luchterhand (2024)
222 Seiten
fest geb.