Die Heimsuchung des Haddschi Hotak
In 12 Erzählungen beschreibt der Autor das Leben und Schicksal von Afghanen, die aus ihrer Heimat in die USA emigriert sind, aber auch derjenigen, die daheim geblieben sind, und derjenigen, die aus verschiedenen Gründen nach Afghanistan zurückkehren.
Bestechend bei diesen Geschichten ist der Stilwechsel, der dem Autor immer blendend gelingt: Die Geschichte eines amerikanischen GI etwa, der in einem afghanischen Dorf notlandet ("Die Parabel von den Ziegen") und von der Dorfbevölkerung auf ganz eigene Art bestraft wird, ist im Stil der orientalischen Erzähltradition geschrieben. In einer anderen Erzählung ("Berufsrisiken") enthüllt die reine Aneinanderreihung von Lebensläufen die prekäre Situation, in der die afghanische Bevölkerung nach Jahrzehnten der Unterdrückung und der Kriege geraten ist. Die Geschichte der jungen Bakhtawara, die sich opfert und an Stelle ihrer geflohenen Schwester deren Bräutigam heiratet, ist eher eine Milieustudie aus dem afghanischen Alltagsleben. In "Zurück an den Absender" beschreibt Kochai auf geradezu kafkaeske Weise, wie ein junges Akademikerpaar aus den USA zurück nach Kabul kommt, dort seinen Sohn verliert, aber die Heimat zurückgewinnt. Und in der "Geschichte von Dullys Wandlung" erzählt Kochai eine fulminant ironische Story vom Widerstand der Bevölkerung gegen Unterdrückung, vom Treiben der Warlords und den negativen Folgen des Krieges. Auch die anderen Geschichten sind auf ihre ganz eigene Art spannend, fesselnd und enthüllen das Leben der (wie es im Klappentext heißt) "afghanischen Community" zwischen Kabul und Kalifornien. Hier schreibt ein junger, talentierter Autor, selbst Afghane, der in den USA aufgewachsen ist und in seiner Literatur die orientalische mit der westlichen Erzähltradition auf geniale Weise vermengt. Das liest sich ebenso frisch wie einprägsam, nachdenklich machend wie ergötzlich. – Allen Beständen zu empfehlen.
Günter Bielemeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Heimsuchung des Haddschi Hotak
Jamil Jan Kochai ; aus dem Englischen übersetzt von Werner Löcher-Lawrence
Luchterhand (2025)
284 Seiten
fest geb.