Emily Forever
„Wie soll sie es schaffen, auf ein Kind aufzupassen? […] Emily ist jung, sie ist so jung, dass sie überhaupt nichts über das Leben weiß ...“ Welche Erwartungen trägt das Umfeld an die 19-jährige Emily heran, die Protagonistin in dem schmalen
Roman der norwegischen Autorin Maria Navarro Skavanger? Welche Grenzen werden schon früh der jungen Frau aufgezeigt, die in prekären Verhältnissen bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufwächst, der grundlos Lernschwierigkeiten attestiert werden und die jetzt, hochschwanger und von ihrem Freund Pablo verlassen, in einem Supermarkt jobbt? In der winzigen, trostlosen Wohnung in einem Vorort von Oslo steht bereits der im Internet bestellte Wickeltisch – aber ist Emily auf ihre Aufgaben als Mutter emotional vorbereitet? Und welche vorgeprägten Rollen hält die Gesellschaft für sie bereit? – Bei der Lektüre lernen wir Emily vor allem durch die Perspektiven und Annahmen anderer Personen kennen: Der KundInnen im Supermarkt, die ihr grundsätzlich einen Betrug beim Kassieren unterstellen. Der in sie verliebten Männer, ihres Nachbarn und ihres Chefs, die ihren Beschützerinstinkt und Zuneigung weder in Worte fassen noch in tatkräftige Alltagshilfe umwandeln können. Der PolizeibeamtInnen, die sie wegen Pablos Verwicklung in die Drogenkriminalität verhören. Der Mütterberatungsschwester und der Hebamme und der anderen Mütter in der Babygruppe, die ihr raten, sich nach der Geburt von Liam dringend um die Vaterschaftsanerkennung zu kümmern, während Emily mit Wickeln und Stillen und Schreien des Babys beschäftigt ist. Der nicht einfach zu lesende Text belohnt mit literarischen Einsichten in die Kraft sozialer Prägungen, gesellschaftlicher Konventionen und Ungleichheiten.
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Emily Forever
Maria Navarro Skaranger ; aus dem Norwegischen von Julia Gschwilm
Luchterhand (2025)
188 Seiten
fest geb.