Protokoll einer Annäherung
Bei dem Debütroman von Anne Korth handelt es sich, wie dem Internet zu entnehmen ist, um die Abschlussarbeit der Autorin an der Universität für angewandte Kunst Wien. Das ist nicht verpönt, aber man merkt dem Schreiben doch seine Herkunft aus dem
Literaturstudium an. Denn im Rahmen, der um die Geschichte der Verarbeitung einer sexuellen Versehrung gelegt ist, dominiert eine Ich-Erzählerin. Sie protokolliert die Story von Marie und Robert: eine Liebesgeschichte, die sich in vorsichtigen Schritten in einer Universitäts- oder Stadtbibliothek in H. anbahnt und bei Ausflügen in den nahegelegenen Wald, zu einem See, im Café und dann auch in Roberts Wohnung fortentwickelt. Doch ein Schatten liegt auf der Beziehung. Maries Empfindungsfähigkeit ist gestört durch einen früheren Übergriff durch einen gewissen K., von dem man freilich nicht viel erfährt. Diese traumatische Erinnerung bricht in die Liebesgeschichte ein. Und wird kommentiert durch die anscheinend allgegenwärtige Erzählerin, die eine merkwürdige Rolle als Muse, Therapeutin und Stalkerin einnimmt, aber am Ende zur Dritten im Bunde wird: auf einer gemeinsamen Zugfahrt nach Wien. Die Dialoge sind stark, die Szenen der Annäherung dicht beschrieben, die Einmischungen dieser Erzählerin aber verwirbelt. Das macht die Prosa etwas zu reflexionslastig. Gleichwohl empfohlen zur Lektüre.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Protokoll einer Annäherung
Anne Korth
Otto Müller Verlag (2024)
141 Seiten
fest geb.