Top Girls
Liv bewegt sich in Wien zwischen Partys, Exzessen und einem ausbeuterischen Theaterleben. Dabei empfindet sie hauptsächlich Leere und auch die ihr nahestehenden Personen scheinen sich immer mehr zu entfremden und genauso verloren zu sein wie die Protagonistin
selbst. Das Schicksal Einzelner erweist sich in der Großstadt als unbedeutend und Livs Generation sucht nach Zugehörigkeit und Halt in einem rasanten und erdrückenden Leben. Als sie vom Tod ihrer Mutter erfährt, kehrt sie in ihre Heimat zurück und stellt sich dort Kindheitserinnerung, die ebenso bedrückend wirken wie Livs Gegenwart. – Ana Drezga hat einen unbeschönigten, aufwühlenden und radikalen Text geschrieben, der an ein modernes Theaterstück erinnert. Sie verzichtet dabei auf ausschmückende Sprache und bedient sich kurzer Sätze und Dialoge, die den Text poetisch, aber auch konfus wirken lassen. Die wiederholt auftauchenden Anglizismen wirken gewollt und eine Identifikation mit den Charakteren fällt zunächst schwer. Ana Degrazs Debütroman, der sich weniger wie ein Roman, sondern eher als ein Rausch anfühlt, projiziert die Zerrissenheit von Liv geschickt auf die Lesenden, wobei sich dieselben – ähnlich wie die Figuren – im Text verlieren, wenn sie versuchen die Intentionen der Protagonistin zu ergründen. Wer sich auf die Radikalität und den Stil des Textes einlässt, wird hier einen mitreißenden und aufwühlenden Roman mit großer Sogkraft vorfinden.
Theresa Schaffer
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Top Girls
Ana Drezga
Otto Müller Verlag (2025)
117 Seiten
fest geb.