Vom Wunsch, Indianer zu werden

Zunächst erscheint Karl und Klara May der junge, blasse Mitfahrer auf dem Schiff nach Amerika einfach nur als ein hilfsbedürftiger Mensch, den sie unter ihre Fittiche nehmen. Während der Treffen mit Kafka werden sie dann immer neugieriger auf ihn Vom Wunsch, Indianer zu werden und es stellt sich heraus, dass er wie Karl May schreibt. Allerdings ist ihm das Schreiben so zur Sucht geworden, die ihm ein normales Leben unmöglich macht, dass er es aufgeben will. May macht diesen Vorsatz zunichte, in dem er vorschlägt, gemeinsam den Plot für eine Amerika-Geschichte zu entwerfen. Es scheint sich dabei um eine Skizze des "Heizers" zu handeln, die letztlich zum Romanfragment "Der Verschollene" wurde. Ein junger Mann wird von seinen Eltern nach Amerika ins Exil geschickt, weil er das Dienstmädchen geschwängert hat. So vertreiben sich die beiden doch so unterschiedlichen Schriftsteller die Zeit, bis der Abschied vor der Türe steht. May hat vor, Winnetou zu finden; manchmal weiß Kafka nicht genau, ob er Fiktion und Realität verwechselt oder ob all das inszeniert ist. Fest steht, dass May wohl eher ein "echter" Indianer wäre als Kafka, der pure Möglichkeit ist und auch Amerika nicht erreicht. - Das spannende Buch, dessen Reiz sich aus dem komischen Zusammentreffen zweier deutscher Literaturberühmtheiten ergibt, ist erstmals 1994 erschienen (dnb-BP 94/940), wurde jetzt aber vom Autor noch einmal überarbeitet. Zu empfehlen, gerne auch für Jugendliche ab 14 Jahren.

Clara Braun

Clara Braun

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Vom Wunsch, Indianer zu werden

Vom Wunsch, Indianer zu werden

Peter Henisch
Residenz-Verl. (2012)

153 S.
fest geb.

MedienNr.: 362109
ISBN 978-3-7017-1585-5
9783701715855
ca. 22,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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