Aasplatz
Als 1957 eine Frau aus einem burgenländischen Grenzort Jennersdorf Anschuldigungen gegen einen ehemaligen SS-Angehörigen vorbringt, der gegen Kriegsende an der Ermordung einiger Dutzend Juden beteiligt gewesen sei, findet diese Aussage wider Erwarten
die Aufmerksamkeit eines Beamten in Wien. Aber erst Jahre später wird der Wiener Kriminal-Bezirksinspektor Hans Landauer beauftragt, sich der Sache anzunehmen. Es wird erwartet, dass er in der Causa SS-Verbrechen eh' nicht weiterkommen wird. Landauer, früher Spanienkämpfer und später selbst im KZ Dachau inhaftiert, geht der Sache aber akribisch nach, vernimmt reihenweise Bewohner und vermutliche Mittäter. Trotzdem werden die Täter und Mittäter in der ehemaligen Nazihochburg Jennersdorf auch weiterhin ihr geruhsames Leben führen. - Das Buch stellt eine Mischung aus Sachbuch und Roman dar. Es ist eine genau recherchierte Geschichte; es gibt reihenweise Vernehmungsprotokolle und Zitate aus vielen Akten. Es ist eine ungewöhnliche Darstellungsform; es liest sich fast wie ein Kriminalfall, was aber die unfassbare Tragödie, über die später beharrlich geschwiegen wird, nicht verharmlosen soll und kann. Der Autor lässt es sich auch nicht nehmen, die fatale Denkweise in der österreichischen Bevölkerung mal mehr mal weniger subtil aufzuzeigen. Ein Stück Zeitgeschichte, das viele Leser interessieren sollte. Allen Büchereien empfohlen.
Erwin Wieser
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Aasplatz
Manfred Wieninger
Residenz-Verl. (2018)
271 S.
fest geb.