Verrisse

Wie kann es sein, dass heute unangefochtene Meisterwerke, diese Säulen der klassischen Musik, von den Zeitgenossen damals verrissen wurden? In früheren Zeiten oblag dem Tonschöpfer eine Bringschuld gegenüber dem Publikum (und dem Kritiker): "Nun, Verrisse Komponist, lass hören; ich gebe dir die Chance, mich zu überzeugen!". Heutzutage dagegen liegt die Holschuld beim Hörer: wer das Werk nicht versteht, hat es eben nicht begriffen und sich nicht eingehend genug damit befasst. Kritisiert wurde meist die Unselbstständigkeit des vorgeblich Neuen, seine Abhängigkeit von Vorbildern und Vorlagen, darunter auffallend häufig Beethoven und Wagner. Gegenüber Neuem war man seit jeher skeptisch. Den Traditionalisten war es oft zu misstönend, den Fortschrittlichen zu altbacken, dem Überkommenen verhaftet. Adorno philosophierte: Alle je gebrauchten Tonkombinationen sind veraltet und unzeitgemäß, gar "falsch" und funktionslos. Kann denn ein Werk überhaupt objektiv "richtig" sein? So urteilte etwa Brahms über die Musik Bruckners, bei jenem handele es sich "gar nicht um die Werke, sondern um einen Schwindel, der in ein bis zwei Jahren erledigt sein wird". Es werden überaus divergente Züge aufgezeigt, etwa wenn der frühe Beethoven als über jeden Zweifel erhaben bezeichnet wurde, bei dessen "höchst abschreckendem, geschmacklosem und entsetzlichem" Spätwerk man sich dagegen "im Irrenhaus" wähnte. Urteile wie: Verdis Opern sind aber wahrhaft scheußlich, Wagner hat die Musik krank gemacht, Bruckner componirt wie ein Betrunkener, der Vater und Mutter mordet, lassen uns aufhorchen. Die großen Kämpfe zwischen Komponist und Kritiker finden heutzutage nicht mehr statt. Der Kanon der Meisterwerke liegt unhinterfragbar, gültig, ja "auf ewig" vor uns. Heute wird generell die Interpretation und die Inszenierung kritisiert, ja bisweilen verrissen, nicht mehr das allgemeingültige Kunstwerk als solches. Thomas Leibnitz, wissenschaftlicher Bibliothekar an der Musiksammlung der österreichischen Nationalbibliothek und Präsident der internationalen Bruckner-Gesellschaft, erkennt als ein vertracktes Problem, allgemein verständlich über erklingende Musik, dieser ziemlich weltfernen Kunst, zu schreiben und die Balance zwischen technisch-fachspezifischer musikalischer Analyse und emotionaler Schilderung zu finden. Das Buch will in seiner gewandten Sprache kein Kompendium der historischen Musikkritik bieten, es möchte vielmehr in acht Fällen aufzeigen, wie die Größe der Komponisten durch Gegenstimmen von Kritikern und Musikerkollegen konterkariert wird. Jedes Kapitel beginnt mit einem längeren Zitat und endet damit, wie denn der jeweilige Komponist auf die Verrisse seiner Werke reagierte. Neben einer interessanten Perspektive auf die Thematik von Musikrezeption und -kritik bietet das Werk, hin und wieder mit einem Augenzwinkern, unterhaltsame Lektüre für Musikfreunde.

Gabi Radeck

Gabi Radeck

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Verrisse

Verrisse

Thomas Leibnitz
Residenz Verlag (2022)

248 Seiten : Illustrationen
fest geb.

MedienNr.: 751080
ISBN 978-3-7017-3565-5
9783701735655
ca. 28,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Mu
Diesen Titel bei der ekz kaufen.