Der berühmte Tiefpunkt
Marieke, deren Leben bis jetzt sehr geradlinig verlief, wohnt nun seit Tagen in einem Mietauto und hofft, dass es keiner in ihrem Umfeld merkt. Der Umstand, dass sie alle Sommerklamotten an eine blockierte Waschmaschine verloren hat und nun im Hochsommer
mit ihren Winterklamotten auskommen muss, macht die Sache nicht gerade einfacher. Vorher lebte die junge Frau in einem schicken Haus mit ihrem Freund Blok. Doch weder Blok, den Metzger, hat sie sich wirklich selbst ausgesucht, noch das Haus, das vorwiegend von ihrer Schwiegermutter eingerichtet wurde. Irgendwie hatte sich eben alles so ergeben. Doch irgendwann ist Marieke dieses vorgegebenen Lebens überdrüssig und zieht die Reißleine. Reicht es doch schon, dass sie bei ihrer Arbeit im Pflegeheim jeden Tag das immer größer werdende Elend bei der Betreuung alter Menschen sehen muss. Auch hier wird es Marieke, die lange alles stoisch erträgt, auf einmal zu viel. Sie flippt völlig aus und verlässt auch das Pflegeheim. Ist das der berühmte Tiefpunkt? Marieke streikt schließlich und bleibt beim Mann einer Heimbewohnerin, der ihr angeboten hat, vorübergehend bei ihm zu wohnen. Hier kann sie eine ihrer wenigen Leidenschaften - Kochen und Essen - ausleben und sich neu orientieren. - Der Roman von Amarylis de Gryse erzählt mit gleichmütiger Gelassenheit von einem Thema, das eigentlich richtig aufregt. Aber eben gerade dieser Ton rüttelt wach und lässt die Zustände in der Pflege in den Vordergrund rücken. Marieke hingegen ist ein Beispiel für einen Menschen, der sich viel zu lange von anderen gängeln ließ und plötzlich merkt, was sie wirklich will. Für Liebhaber trockenen Humors und unaufgeregter Sprache eine Leseempfehlung!
Sonja Gast
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der berühmte Tiefpunkt
Amarylis De Gryse ; aus dem Niederländischen von Ruth Löbner
Arche (2023)
253 Seiten
fest geb.