Der Kommandant
Kurz vor seiner Hinrichtung im Jahre 1947 verfasste Rudolf Höß, vormaliger Lagerkommandant des Konzentrationslagers Auschwitz, einen ausführlichen und erstaunlich ungeschminkten Rechenschaftsbericht über sein Leben. Jürg Amann, mehrfach ausgezeichneter
Schweizer Autor (z.B. Ingeborg-Bachmann-Preis, Schiller-Preis) legt in seinem Monolog ("Monodrama in sechzehn Stationen") eine redigierte, d.h. stark gekürzte, aufs Wesentliche reduzierte und deshalb umso eindringlichere Fassung dieses Textes vor: "Nichts ist erfunden, kaum ein Wort hinzugefügt, kaum ein Satz (+) verändert." (Nachwort) Im Angesicht des Todes erweist sich Höß als ebenso larmoyanter wie unbelehrbarer Anhänger des Nationalsozialismus und seiner verbrecherischen Politik; er verteidigt sein Handeln, versucht es verständlich zu machen, bedauert nichts, nimmt jedoch gleichzeitig für sich in Anspruch "dass er ein Herz hatte, dass er nicht schlecht war". (S. 105) Durch die Verknappung und pointierte Zuspitzung dieser menschenverachtenden, bis in die Diktion hinein sich selbst entlarvenden Tiraden wird die unerträgliche Selbstgerechtigkeit, die Verbohrtheit, die Naivität dieses für den Tod von Millionen Menschen mitverantwortlichen Massenmörders deutlich. Wer wissen will, was Hannah Arendt meinte, wenn sie von der "Banalität des Bösen" sprach, der lese diesen Text, hier nimmt sie Gestalt an. Ein wichtiges Buch, vor allem für junge Leute und darüber hinaus für jeden, der sich die Frage stellt: Wie konnte das geschehen und was waren das für Menschen, die den Holocaust zu verantworten hatten?
Der Kommandant
Jürg Amann
Arche (2011)
108 S.
fest geb.