Vorbereitung auf das nächste Leben
Als Brad Skinner, nach seinem dritten Einsatz im Irak aus der Armee entlassen, in einem Hinterhof von Queens auf Zou Lei trifft, die eine kurze Pause von ihrer Arbeit in einer Kellerküche für Kraftübungen nutzt, bittet er sie ohne Umschweife, seine
Freundin zu werden. Die Uigurin lebt illegal in den USA und arbeitet hart, um ihr Essen und die Miete eines erbärmlichen Verschlags in einem Migrantenhaus bezahlen zu können. Zou Lei ist ebenso allein in New York wie Skinner und teilt seine Begeisterung für Krafttraining. Die beiden finden Nähe und eine vage Hoffnung auf mehr als von Tag zu Tag zu (über-)leben beieinander. Doch Skinner, der in einem Kellerzimmer wohnt und von einer Abfindung lebt, leidet stark an einem Kriegstrauma und gleitet immer mehr in Tabletten und Alkohol ab. Auch die starke "Zooey" kann ihn vor den selbstzerstörerischen Impulsen nicht retten. Als eines Tages Jimmy Turner, der gewalttätige und rassistische Sohn seiner Vermieterin, aus dem Gefängnis entlassen wird und ins Haus zurückkehrt, entsteht eine unheilvolle Konstellation. - Der Erstling von Atticus Lish kommt mit wenig Plot aus, einen wesentlichen Teil des seitenstarken Werks nehmen minutiöse Schilderungen der unmittelbaren Umgebung der Protagonisten ein. Diese sind stellenweise so ausführlich, dass sie langweilen, auf jeden Fall bremsen sie den Lesefluss, ebenso wie die fehlenden Anführungszeichen bei direkter Rede und das übersetzte Pidgin-Englisch ("Selbst wenn du nicht nett zu mir, ich nicht weggehe." S. 238). Im Rückblick ist es aber vielleicht genau dieses Entlanghangeln an Detailbeschreibungen, das ein intensives Gefühl vermittelt für die Situation von Skinner und Zou Lei, exemplarisch für unzählige andere, die durch das Raster fallen: es gibt keine Abkürzungen oder einfache Auswege. Alles was sie haben ist das, was sie umgibt, der gegenwärtige Moment. Ihre Realität ist erbarmungslos, schmutzig, voller Schmerz und Wahnsinn, aber auch Verletzlichkeit und unermüdlichem Bemühen, das immer wieder sabotiert wird. - Ein außergewöhnlicher und trotz heller Momente insgesamt bedrückender Roman mit authentischen Dialogen (und einer Stelle, die wegen der kaltblütigen Gewalt für mitfühlende Leser/-innen schwer zu ertragen ist). Kein Buch, das man freudig weiterempfiehlt und doch froh ist, es gelesen zu haben. Es macht die oft unsichtbaren Ausgegrenzten und Chancenlosen offenbar. Weiter entfernt könnte der amerikanische Traum kaum sein. (Übers.: Michael Kellner)
Barbara Sckell
rezensiert für den Borromäusverein.
Vorbereitung auf das nächste Leben
Atticus Lish
Arche (2015)
539 S.
fest geb.