Momentum
Eigentlich heißt das Buch von Peter Englund im schwedischen Original "Träume von bösen Nächten". Es unterstreicht damit die persönlichen Schrecken und Erlebnisse von 40 Menschen weltweit, die ihren Alltag im Zweiten Weltkrieg in Briefen, Tagebüchern
und Memoiren schildern. Wenig große Namen sind darunter, meist Alltagsmenschen, die sich dem Sog ihrer Epoche ergeben mussten. Der deutsche Titel "Momentum" betont mehr den historisch bedeutsamen Wendepunkt des Krieges im November 1942, der die erzählte Zeit im Buch absteckt. Die Zeitzeugen begegnen dem Leser in gut 360 Abschnitten immer wieder, vieles passiert unabhängig voneinander, zuweilen streifen sich aber auch die Geschichten. Der Zweite Weltkrieg, für 30 Tage von unten gesehen. Fast eine Momentaufnahme, mitten aus dem Mahlwerk jener Jahre. Es erstaunt - und doch wieder nicht -, dass man sich auch an Ungeheuerliches gewöhnen kann. Bei kaum einem der Zuwortkommenden spürt der Leser ein Erkennen der beginnende Wende in jenem Spätjahr 1942, sei es in Südrussland, Nordafrika und dem Pazifik. Nicht alle Protagonisten sind Sympathieträger und doch versteht es Englund, jeden Einzelnen als Individuum zu respektieren. Mitgefühl und Brutalität scheinen in demselben Menschen zu derselben Zeit existieren zu können, wider alle Logik. - Die Aufteilung des Stoffs auf viele, lose gekoppelte Abschnitte kommt aktuellen Lesegewohnheiten entgegen. Die Anmerkungen verdienen großes Lob, ordnen sie viele Details in den zitierten Passagen erst verständlich ein. Die Sprache ist bildreich, einnehmend, stellenweise fesselnd, wenn auch bei Hintergrundskizzen zuweilen manieriert. Das Sujet dürfte historisch Interessierte ebenso ansprechen wie Leser, die mehr über menschliches Verhalten in Grenzsituationen wissen möchten.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Momentum
Peter Englund ; aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
Rowohlt Berlin (2022)
669, [24] Seiten : Illustrationen, Karten
fest geb.