Das Pferd im Brunnen
Eine junge Frau reist nach Kasan in Russland. Sie wohnt mit ihrer Mutter Lena in Deutschland und ist auf der Suche nach ihrem Vater, an den sie kaum Erinnerungen hat. Sie kommt bei ihrer Großmutter Nina unter, einer schroffen alten Frau. Mangelnde
Kommunikation und die Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen, ziehen sich seit Generationen durch die Familie. Die Urgroßmutter Tanja musste ihr Leben lang hart arbeiten und hatte wenig Zeit, sich um ihre Tochter Nina zu kümmern. Nina, als junges Mädchen ein lebenslustiger Mensch, die gerne Tänzerin werden wollte, verliert ihre Illusionen während der Arbeit auf einer psychiatrischen Männerstation. Ein Studium ist für sie und ihren Mann Jura nicht möglich und ein täglicher Kleinkrieg zermürbt die Ehe. So bleibt Nina mit ihren Kindern Lena und Mischa allein zurück. Als sie im Alter nicht mehr allein zurechtkommt, holt Lena sie nach Deutschland. – Vera Tscheplanowa erzählt in ihrem Debütroman mit autobiografischen Anklängen episodenhaft von vier Generationen von Frauen. In Russland und später Deutschland müssen sie sich behaupten, meist ohne Männer. Vom letzten Jahrhundert bis in die Gegenwart beschreibt die Autorin das Politische im Privaten, Mangelwirtschaft, Schlangestehen, aber auch dörflichen Zusammenhalt. Am Ende ihrer Vatersuche wird der jungen Frau bewusst, dass auch sie von der Vergangenheit geprägt ist. Sehr lesenswert.
Susanne Emschermann
rezensiert für den Borromäusverein.
Das Pferd im Brunnen
Valery Tscheplanowa
Rowohlt Berlin (2023)
189 Seiten
fest geb.