Die blaue Grenze

Als Komponist von Titelmelodien für Fernsehfilme hat Fidelis Lorentz sein Auskommen. Sein Privatleben ist v.a. geprägt vom Verhältnis zu seiner Partnerin J., seiner großen Liebe, die aber immer wieder ihre eigenen Wege geht. Und eines Tages ruft Die blaue Grenze sie ihn an und verkündet die endgültige Trennung. Fidelis ist konsterniert, will Abstand gewinnen, und entschließt sich zu einer Reise in den Osten, nach China und Nordkorea. Sein Urgroßvater, beheimatet in einem kleinen Ort des Bayrischen Waldes, wurde im Ersten Weltkrieg Matrose und erzählte u.a. vom Gelben Meer vor Korea. Also will Fidelis an dieses Meer. Bei seiner langen Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn hat er reichlich Gelegenheit, an die Erzählungen seiner Eltern und Großeltern zu denken. An die großen und kleinen, oft belanglosen, aber auch tragischen Ereignisse. So überlebte der Urgroßvater trotz Schiffbrüchen und Kämpfen den Krieg, um dann im Dorfteich zu ertrinken. Der Pragmatismus seiner Großmutter auch in Glaubensfragen kommt ihm in den Sinn. Sie hielt nichts von den Heiligen, sie wandte sich mit ihren Gebeten immer gleich an die oberste Instanz. Die Reise mit dem Zug und die Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturkreisen, v.a. die Erlebnisse in Nordkorea bewirken in Fidelis eine neue Erdung in seinem Leben. Er erkennt, dass sein Festhalten an Gewohnheiten und sein Klammern an die Geliebte J. nicht hilft, im Gegenteil. Nach seiner Reise sieht er sich imstande, sich einer neuen, veränderten Gegenwart pragmatischer zu stellen. - Der wunderbare Text dieser Geschichte nimmt einen von an Anfang an ein und beeindruckt ungemein. Humor, subtiler Sarkasmus, leichte Ironie, wunderbare Wortfindungen sorgen durchgehend für Lesefreude. Der Autor hat schon einen Dokumentarfilm in Nordkorea gedreht. Seine Schilderungen über das abgeschottete Land zeugen von großer Kenntnis und machen einen guten Teil dieser Geschichte aus. Ganz besonders sind auch die genauen Beschreibungen der Charaktere. Sehr zu empfehlen!

Erwin Wieser

Erwin Wieser

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Die blaue Grenze

Die blaue Grenze

Konstantin Ferstl
Rowohlt Berlin (2023)

395 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 752311
ISBN 978-3-7371-0185-1
9783737101851
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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