Sehnsucht
Erwin Piontek, Rentner, ehemaliger Bergmann, trägt seit Kindertagen die Sehnsucht in sich, die Welt zu umsegeln. Eines Tages kauft er sich ein Segelboot, verlässt seine Frau und sticht in See. Nein: Er sticht in den Stausee! Monatelang, immer im
Kreise segelnd, schippert der skurrile Seefahrer Erwin auf dem kleinen Stausee von Rybnik, um so viele Seemeilen zu erreichen wie bei einer echten "Weltumsegelung". Der Stausee wird für ihn zum Meer. Erwin wird Medienstar, seine Aktion ist auf allen Social-Media-Kanälen, seinem Boot wird zu Wasser aufgelauert. Dieser Roman ist keine klassische Erzählung, vielmehr treibt S. Twardoch mit seiner Hauptfigur "Experimente". Er versetzt Erwin im Verlauf der Geschichte ins vorige Jahrhundert und ebenso in die Zukunft. In die Vergangenheit hinein in die Schlachten des Deutschen Kaiserreichs gegen die Herero in Deutsch-Südwestafrika ebenso wie in die Zukunft des Jahres 2028. Dort ist Erwin "Double" eines autokratischen polnischen Präsidenten, der inmitten eines rechtsextremistisch gewordenen Kerneuropas regiert. – Auf mich wirkte dieser Roman äußerst konstruiert. Er konnte mich weder berühren, noch war mir eine Identifikation mit dem Protagonisten möglich. Die Erzählung erschien mir wie eine bizarr anmutende Darbietung unserer krisenhaften Zeit, in der alles gleichzeitig zu existieren scheint: Vergangenheit und Zukunft. Erwin Piontek bleibt mit all seinen Gedanken ein Mann ohne Gesicht. Für Leser:innen, die literarische Experimente zu schätzen wissen.
Silvia Eilers
rezensiert für den Borromäusverein.
Sehnsucht
Szcezepan Twardoch ; aus dem Polnischen von Olaf Kühl
Rowohlt Berlin (2026)
221 Seiten
fest geb.