Anna
Eine alte Dame erinnert sich: wie sie mit ihrer Mutter im Zweiten Weltkrieg aus der zerbombten Heimatstadt fliehen musste und Obdach auf einem Hof fand. Sie erinnert sich, wie fremd sie sich im Dorf fühlte und wie sie sich mit einem etwas älteren
Mädchen anfreundete, das mit anderen ukrainischen Zwangsarbeitern auf dem Hof helfen musste. Dieses Mädchen, Anna, vermochte es, ohne gemeinsame Sprache dem Kind Trost zu spenden, das seinen Vater, der als Soldat an der Front kämpfte, schmerzlich vermisste. Und sie erinnert sich an den Tiefflieger, durch den Anna ums Leben kam. – Diese Geschichte ist authentisch: Helga hat sich in späteren Jahren an die Autorin und an den Illustrator mit der Bitte gewandt, ihre Kindheitserinnerungen und das Gedenken an Anna durch ein Buch lebendig zu halten und zu würdigen. Die Erzählung wirkt, als hörten wir Helgas Erinnerungen zu; die Sprache ist einfach und pointiert und sie ist durchzogen von Trauer um den Verlust ihrer Heimat und der geliebten Menschen. Das Mädchen fantasiert sich den Vater herbei, dem sie von Anna berichtet, die ihr zur Vertrauten geworden ist. Die Bilder sind in ihrer Schlichtheit besonders prägnant. Die schwarzen Zeichnungen auf dem bräunlich gefärbten Papier wirken wie Fotos dieser Zeit, die sich im Gedächtnis des Kindes bewahrt haben. In ihnen sind die Textzeilen in der Schrift einer alten Schreibmaschine einmontiert. Die schwarzen Rahmen um die Panels verdunkeln diese Zeitspanne, die für das Mädchen in ihrem weiteren Leben so belastend bleibt. All diese gestalterischen Details zeugen von den schweren Traumata, von Verlust und Sehnsucht. Das Innenleben eines Kindes und die so gewaltvollen Erfahrungen mitfühlend wiederzugeben, war das Anliegen des Autorenduos. Es ist ihnen gelungen, in sehr berührender Weise.
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Anna
Christina Laube ; Illustration: Mehrdad Zaeri
Fischer Sauerländer (2024)
[68] Seiten : farbig
fest geb.
Borromäus-Altersempfehlung: ab 10