Nicht sehr lang her, nicht sehr weit weg
Der chilenischen Illustratorin und Autorin ist mit „Nicht sehr lang her, nicht sehr weit weg“ ein unglaublich wichtiges Werk gelungen. Sie selbst ist die Enkelin von jüdischen Holocaustflüchtlingen und stellte fest, als sie ihre eigenen Kinder
über den Holocaust aufklären wollte, dass es kein geeignetes Buch für die Altersgruppe von 11-12-jährigen Kindern gab. Also verfasste sie es selbst. Das Konzept des Buches ist sehr gut durchdacht. Alle Illustrationen sind ausschließlich in Schwarz- und Grautönen gehalten, mit Ausnahme der Farbe Gelb, die sich nicht nur in der Darstellung des Judensterns wiederfindet, sondern auch darüber hinaus wichtige Akzente setzt. Die Bilder verdeutlichen klar die Entstehung und das Ausmaß des Holocausts, sie finden aber eine gute Balance zwischen dem Notwendigen und dem Unvorstellbaren. So finden sich beispielsweise die Mengen der ermordeten Menschen in der sich steigernden Anzahl der Viehwaggons wieder, welche die Menschen in die Vernichtungslager bringen. Die Texte beschönigen an keiner Stelle das Geschehene. Sie sind sachlich und klar formuliert. Das Buch ist vierteilig konzipiert. Im ersten Teil erläutert die Autorin, wie es überhaupt zur Machtergreifung Hitlers kommen konnte. Beginnend mit dem Ende des Ersten Weltkrieges werden die geschichtlich bedeutsamen Ereignisse kindgerecht erklärt. Der zweite Teil „Das Grauen beginnt“ widmet sich ausschließlich der Verfolgung und Ermordung jüdischer, beeinträchtigter und andersdenkender Menschen in den Konzentrationslagern. Auf diesen beiden Teilen liegt der Schwerpunkt des Buches. Daran anschließend gibt es eine kurze Rückkopplung zu den jungen Lesenden und ihren Gefühlen. Sehr wichtig ist der kurze hoffnungsvolle Ausblick in Teil 3: Die Holocaustüberlebenden stehen ebenso im Mittelpunkt wie mutige Menschen, die zu Lebensrettern wurden, und auch die Nürnberger Prozesse werden angesprochen. Die letzten beiden Seiten sind bunt: Deutschland heute kann ein buntes, vielfältiges Land für alle Menschen sein, wenn wir uns eine Erinnerungskultur bewahren und handeln, statt wegzusehen. Wer ein Buch zu diesem Thema in die Hand nimmt, weiß, dass er sich und seine Kinder mit einem der schlimmsten Kapitel der Menschheitsgeschichte konfrontieren wird. Dazu braucht es Mut und Entschlossenheit. Aber eine klare Haltung gegen jegliche Art von Faschismus, Intoleranz und Ausgrenzung einzunehmen und Kinder bei der Lektüre dieses Buches zu begleiten, ist heute wichtiger denn je.
Kirstin Kreis
rezensiert für den Borromäusverein.
Nicht sehr lang her, nicht sehr weit weg
Carla Infanta Gabor ; aus dem Spanischen von Ilse Layer
Fischer Sauerländer (2025)
105 Seiten : teilweise farbig
fest geb.
Borromäus-Altersempfehlung: ab 10