Der lebende Beweis
Die Ich-Erzählerin analysiert ihren Platz in einer Dorfgemeinschaft, die ihr auch nach über einem Jahrzehnt als Zugezogene fremd geblieben ist. Sie versucht nachzuvollziehen, wie sie als „verwildertes“ Mädchen, aufgewachsen in der bayerischen
Provinz, auf einem preußischen Landsitz landete und dort zwar auf dem Papier alles erreicht hat, ihr Gefühlsleben aber keine Freude daran zulässt. Dabei wirft sie immer wieder die Frage auf, ob Menschen ihr Leben selbst gestalten oder ob es gestaltet wird. Heraus sticht das Buch wegen des scharfen Blicks der Erzählerin. Zwar bleiben fast alle Figuren ohne Namen. Der Chronist, die Pastorin, der Ehemann, der Liebhaber: Sie alle haben ihre Rolle im Geflecht der Familie und des Ortes. Diese Rollen aber werden hinterfragt und sind nicht statisch, die Erzählerin sucht beständig eine Bindung zu ihnen. Diese Bindung gelingt aber nur mir den drei Figuren, die Namen tragen und diese drei stehen wie die Ich-Erzählerin am Rande der Gesellschaft. Zwei Ortsbesuchende, die Regeln in Frage stellen, und das Kind Alberich, der Sohn des Küsters und der Metzgersfrau, den einzigen Überlebenden im Ort nach dem Dreißigjährigen Krieg. Zu allen dreien wird diese Bindung aber gekappt: zu den Besuchenden durch ihre Wahl, zu Alberich, als ihr der Zugang zum örtlichen Archiv verwehrt wird. Wie also einst Alberich nach Amerika zog, verlässt auch die Protagonisten am Ende das einst utopische Dorf. – Das sehr philosophische Buch eignet sich sehr gut für eine Zielgruppe Ü40, durch die nur rund 180 Seiten ist der dünne Band schnell gelesen. Das notwendige Leseniveau ist zwar hoch, der Schreibstil aber flüssig.
Janina Dillig
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der lebende Beweis
Lola Randl
Matthes & Seitz (2026)
188 Seiten
fest geb.