Das richtige Leben des Alvaro Maderholz

Dieses Buch ist ein Abenteuer. Und das im doppelten Sinne. Es handelt zum einen von der unerhörten Recherche eines nationalsozialistischen Familienstammbaums. Zum anderen wird aber auch, wer „Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“ liest, hin Das richtige Leben des Alvaro Maderholz und her geschleudert zwischen höchst unterschiedlichen Erzählstimmen, Wahrheitsansprüchen und Fiktionsanteilen. Wer also war dieser Maderholz? Und was ist dran an dessen Lebensgeschichte, der da mit allen Tricks und Finessen der Erzählkunst nachgegangen wird? Die Figur ist zunächst eine Erfindung des Autors und Filmemachers Clemens Böckmann. Der hatte 2018 eine Nachlass-Sammlung von Gedichten des Skispringer-Poeten Alvaro Maderholz herausgebracht, die in der (in Böckmanns Buch zitierten) Kritik als kümmerliche Annäherung an Ingeborg Bachmann und zugleich als glückliche Trouvaille ankam. Ein Ich-Erzähler, der viel von dem Autor Böckmann an sich hat, stößt im Frühsommer 2017 bei einer Forschungsexpedition zur Erinnerungskultur in der Steiermark auf die Spuren eines legendären Skispringers, der seit seiner Schulzeit Gedichte geschrieben hat. Bei seinen Nachspürungen in Europa und Chile kommt dem Erzähler ein zweiter Autor in die Quere, der ebenfalls als Böckmann erkennbar ist. Beide Autoren streiten sich um den angemessenen Zugang zu den weit ins 20. Jahrhundert zurückreichenden Lebenszeugnissen von Maderholz. Es geht um Ästhetik und Moral, es geht um Erinnerungskultur, und hinter der Leitfrage, ob es eine Sippenhaft für schuldige Holocaust-Täter und Kriegsteilnehmer gibt, gerät zunehmend der Halt zwischen den Generationen ins Wanken. Hinzu kommt, dass das Buch, das lediglich auf dem Schutzumschlag als „Roman“ ausgewiesen ist, angereichert ist mit Gedichten, Gedächtnisprotokollen, Reiseberichten, Zeitungsausschnitten und Fotografien. Was stimmt denn jetzt, mag man sich fragen – und im besten auf heilsame Weise befreit werden von der Illusion, dass es die eine und die richtige Erzählung eines Lebens überhaupt gibt. Ein Buch für rätselerprobte Lesende, abenteuerlich und verlockend erzählt.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Das richtige Leben des Alvaro Maderholz

Das richtige Leben des Alvaro Maderholz

Clemens Böckmann
Matthes & Seitz Berlin (2026)

207 Seiten : Illustrationen
fest geb.

MedienNr.: 627061
ISBN 978-3-7518-1087-6
9783751810876
ca. 22,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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