Hirschtier

Die kleine Margaret wächst mit Mutter und Tante und ihrer ebenfalls vierjährigen Freundin Agnes auf, als Agnes bei einer großen Schulhofüberflutung ums Leben kommt. Die Freundinnen waren zusammen, aber Margaret ist nicht sicher, was passiert ist, Hirschtier nur dass sie große Angst hat. Niemand gibt ihr die Schuld an der Katastrophe, doch bleibt über die Jahre eine Mischung aus Angst, Trauer und Schuld, begleitet von dem Gefühl, kein Glück verdient zu haben. Margaret flüchtet sich in die Lektüre von Märchen, die gut ausgehen und erschafft sich eine eigene Realität, in der das Hirschtier zur Stimme ihrer Schuldgefühle wird, das aus einem Missverständnis entsteht: Margarets Umgebung spricht von ihr als “poor dear”, dem armen Kind, für sie heißt es aber “poor deer”, "armes Hirschtier” (Titel der Originalausgabe). Das Hirschtier ist die Last, die sie mit sich herumschleppt: ihre vermeintliche Schuld, ihre Wiedergutmachungshoffnung, ihr schlechtes Gewissen. Das Kind muss sich ein Wesen erschaffen, um weiterleben zu können, da ihr untersagt wird, sich jemandem anzuvertrauen – und so wird die Fantasie ihr Schutz, aber auch ihre Last. Die Autorin hat eine vierjährige Protagonistin beschrieben, die Schreckliches erlebt hat und sich mit 16 Jahren der Wahrheit stellt. Margaret erfindet immer wieder Geschichten, wie sie glücklich bis ans Ende ihres Lebens lebt – und vielleicht tritt das auch ein. Ein einfühlsamer Roman über ein Mädchen, das sich mit seiner Rolle bei einem tragischen Verlust auseinandersetzen muss.

Ileana Beckmann

Ileana Beckmann

rezensiert für den Borromäusverein.

Hirschtier

Hirschtier

Claire Oshetsky ; aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Holfelder-von der Tann
Ecco (2026)

238 Seiten
kt.

MedienNr.: 625014
ISBN 978-3-7530-0113-5
9783753001135
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
Diesen Titel bei der ekz kaufen.