Die Rheinreise
Ein erstaunliches Buch ist das, ein Koblenz-Roman, der im 19. Jh. spielt, geschrieben von einer 1934 geborenen Autorin, und das mit einer epischen Gleichmut und anspielungsreichen psychologischen Tiefe, die an die Bücher der Brontë-Schwestern und
später auch Jane Austen erinnern. Gut lesbar wird das, wenn die Heldin statt den Mund ihres Geliebten die Blüte einer Pfingstrose küsst oder wenn die stählerne Schwertschneide eines preußischen Offiziers aufs Kölner Straßenpflaster klirrt; die Handlung spielt vor dem Hintergrund der Unruhen in Deutschland 1851, als nach der Februarrevolution in Frankreich die republikanische Anfangsbegeisterung wieder zurückgedämmt wurde. Im Mittelpunkt des Romans, der bereits 1981 erschien, aber jetzt erst aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt worden ist, steht Charlotte, die gemeinsam mit ihrem Bruder, einem bitterernsten Reverend, seiner launischen Frau und deren verwöhnter Teenagertochter Ellie am Rhein entlangfahren. Die englische Familie reist in Koblenz an, und es wird rasch klar, dass Charlotte mit ihrer Charaktermischung von Güte und Arglosigkeit zwischen den Stühlen sitzt: brav genug, um es mit ihren nicht immer liebsamen Verwandten auszuhalten, aber zu empfindsam, um ganz auf eigene Wünsche und den Traum von einem „Zimmer mit Aussicht“ (Virginia Woolf) zu verzichten. In Koblenz sieht sie einen Fremden, der sie schockweise an einen früher verlorenen Geliebten erinnert. Sie bleiben sich auf den Fersen, Erinnerungsbild und Gegenwartserscheinung fließen ineinander, im Kölner Dom kommt es dann zu einer aufwühlenden Begegnung. Charlotte wird als eine starke Frau in ihrer Zeit und darüber hinaus geschildert: ein eindringliches Buch über ein Frauenleben im 19. Jh., eine anrührende ausgebremste Liebesgeschichte.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Die Rheinreise
Ann Schlee ; aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
DuMont (2025)
205 Seiten
fest geb.