Berchtesgaden
Es sind die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges. Hitler ist tot und die Kapitulation Deutschlands steht unmittelbar bevor. Im Berchtesgadener Berghof, Hitlers zweitem Regierungssitz, sind alle Bewacher geflohen, die Gebäude durch alliierte Bombardierungen
teilweise zerstört. Nun beginnt das große Plündern, sowohl von Einheimischen als auch durch die eintreffenden Truppen der USA und der Franzosen. Im Ort und der Umgebung sind neben Flüchtlingen auch ehemalige Zwangsarbeiter und Nazigrößen, was eine brisante Mischung darstellt. Die amerikanischen Besatzer versuchen, eine funktionierende Verwaltung ohne die bisherigen Nazis zu installieren, doch es gibt kaum Fachleute, die keine NS-Vergangenheit haben. Ein ehemaliger Brauereibesitzer, der das KZ nur mit Glück überlebt hat, wird als Bürgermeister eingesetzt. Ein Münchner emigrierter Jude, Frank Rosenzweig, als Offizier mit den US-Truppen in Berchtesgaden einmarschiert, muss sehr bald erkennen, dass alle Deutschen keine Nazis gewesen sein wollen, von den unsäglichen Gräueln angeblich nichts gewusst haben. Sophie Gruber, eine junge Berchtesgadenerin, bewirbt sich bei der Militärverwaltung als Dolmetscherin. Fragen nach Nazimitgliedern in der Familie beantwortet sie falsch. Einer ihrer Brüder, ein fanatischer SS-Mann, versteckt sich in einer Hütte in den Bergen. Sophie verschafft ihm, trotz schwerer Gewissensbisse, Lebensmittel und Kleidung. Als sie später ihrem Vorgesetzten Rosenzweig ihre Lüge beichtet, ist der Bruder bereits geflüchtet. – Es gibt ja Unmengen an Literatur über das Ende des Weltkrieges, die Autorin hat sich speziell mit Berchtesgaden beschäftigt. Ihre umfangreichen Recherchen zeigen anschaulich die Situation und Lebensumstände in dieser schwierigen Zeit. Es treten viele Protagonisten auf, die meisten sind fiktiv. Ein gut lesbares, interessantes und informatives Buch. Da einige Erzählstränge nicht zu Ende ausgeführt wurden, dürfte wohl eine Fortsetzung folgen.
Erwin Wieser
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Berchtesgaden
Carolin Otto
Lübbe (2025)
541 Seiten
fest geb.