Moon Road
Verschwunden. Vermisst. Verstorben? Als Kleinkind ist Una von einer Illustration in ihrem Bilderbuch begeistert, auf der der Widerschein des Mondlichts auf dem Wasser scheinbar eine Straße darstellt. Nachdem sie mit Mitte zwanzig von zu Hause auszieht
und ans andere Ende des Landes übersiedelt, verliert sich in einer Mondnacht an der Westküste Kanadas jede Spur von ihr. Hat sie sich im Hafen von Tofino mit ihrem Exfreund getroffen? Ist sie mit einem gestohlenen Kajak untergegangen? Eine großangelegte Suchaktion auf Land und Wasser ergibt keine Hinweise auf ihren Verbleib. Als nach mehr als zwei Jahrzehnten Kathleen und Yannick, Unas Eltern, die längst getrennt und ohne Kontakt zueinander leben, von der Polizei über einen Knochenfund benachrichtigt werden, brechen sie gemeinsam in einem klapprigen Pick-Up zu einer Reise quer durch Kanada auf. In Dialogen und Rückblenden erfährt man bei der Lektüre nach und nach, welchen Umgang mit der jahrelangen Ungewissheit die beiden gefunden haben. Kathleen stürzt sich in eine neue berufliche Herausforderung als Blumenzüchterin, unterhält eine Facebook-Suchseite und organisiert jährlich eine Una-Party, zu der allerdings immer weniger Gäste kommen. Yannick geht mehrere Beziehungen ein und wird Vater von drei Söhnen und einer weiteren Tochter. Der zweitausend Meilen lange Roadtrip wird für Kathleen und Yannick, die mit viel Zuneigung und mit trockenem Humor den jeweiligen Altersgebrechen und Marotten des anderen begegnen, auch zu einer Reise zu ihren Gefühlen füreinander. – In ihrem Roman erzählt die kanadische Autorin klug und unsentimental von den vielen Nuancen des unermesslichen Verlusts, der jahrelangen Hoffnung, Nähe und Intimität, die auch große Entfernungen und lange Funkstille überdauert. Empfohlen für alle, die an die Resilienzkraft der Literatur und der Liebe glauben.
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Moon Road
Sarah Leipciger ; aus dem Englischen von Sabine Herting
FISCHER (2025)
430 Seiten
fest geb.