Strong female character
Seit einigen Jahren ist Autismus fast zu einer Art Modekrankheit geworden. Dabei überwiegen in dem Störungsbild nicht die herausragenden Inselbegabungen, sondern tiefgreifende Einschränkungen, die die Teilnahme an und das Funktionieren in der Gesellschaft
erheblich erschweren. Dies kann kaum eindrücklicher geschildert werden, als die Autorin Fern Brady es hier anhand ihres eigenen Lebens tut. Anschaulich beschreibt sie, wie es ist, immer das diffuse Gefühl zu haben nicht dazuzugehören und die Welt anders wahrzunehmen als das eigene Umfeld. Mehr als einmal prangert sie das Gesundheitssystem dafür an, ihre Krankheit nicht früher erkannt zu haben. – Wer also ein humorvolles Buch erwartet, da die Autorin eine bekannte Comedienne ist, wird hier enttäuscht werden. Neben den großen Problemen, die durch ihren Autismus entstehen, zeichnet die Autorin auch ein deutliches Bild vom Aufwachsen in einem armen, streng katholischen Teil Schottlands. Themen wie Armut, Glaube und Gewalt tauchen an vielen Stellen in dem Buch auf. Zu kritisieren sind lediglich die abrupten Themenwechsel und die augenscheinlich willkürliche Reihung der behandelten Inhalte. Abgesehen davon handelt es sich um einen sehr eindrücklichen Erfahrungsbericht, der manchen Lesenden einen neuen Blickwinkel auf das Störungsbild des Autismus eröffnen dürfte.
Agnes Schmidtner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Strong female character
Fern Brady ; Übersetzung aus dem Englischen von Doreen Reeck
pola (2024)
316 Seiten
fest geb.