Dauerläufer
Gehen und Laufen sind die natürlichen Fortbewegungsmöglichkeiten des Menschen, allerdings heutzutage auch die langsamsten. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen boomt seit Jahren das Fernwandern, nicht nur auf dem Jakobsweg. Ollivier hat sich nach
Abschluß seines Arbeitslebens vorgenommen, die Seidenstraße von der Türkei bis China zu erwandern. Die erste Etappe beginnt in Istanbul und soll bis Teheran führen. Der eigentlich erfahrene Wanderer Ollivier macht jedoch einige Anfängerfehler, die manchen Routinier den Kopf werden schütteln lassen: er startet mit neuen Schuhen, die ihm bald Blasen und offene Wunden bescheren und das Gehen zeitweise zur Qual machen; er wählt die Etappen viel zu groß (60 km und mehr), so dass sein Körper sich nicht erholen kann; und er hat kein neues Kartenmaterial, so dass er (viel zu) oft die Wege nicht findet. Das Ergebnis ist, dass Ollivier sehr oft die verkehrsreichen Überlandstraßen entlang läuft, was insgesamt für den Wanderer und auch den Leser wenig interessant ist. Zwar finden trotzdem einige spannende Begegnungen mit den Menschen des durchwanderten Gebietes statt, aber hier werden die fehlenden Sprachkenntnisse zu einer nur schwer überwindbaren Hürde. Ziemlich entkräftet erreicht Ollivier die iranische Grenze, wo er diese Etappe abbrechen muss, weil er schwer erkrankt. - Manches in diesem Erlebnisbericht scheint bei genauerem Hinsehen ungenau oder wenig wahrscheinlich. Passagenweise ist er schlichtweg langweilig, was wohl auch zu den Kürzungen des Originals geführt hat, die zum Teil nicht sehr geschickt vorgenommen wurden. Die Details, die der Leser über die legendäre Seidenstraße erfährt, sind zwar durchaus interessant und lesenswert; allerdings hat Ollivier in diesem Teil der Türkei kaum noch Zeugnisse dieses legendären Verbindungsweges gefunden. Insgesamt eher enttäuschend.
Ulrike Braeckevelt
rezensiert für den Borromäusverein.
Dauerläufer
Bernard Ollivier
Delius Klasing (2011)
283 S. : Kt.
kt.