Ich war die ganze Welt
Das ist ein Traumerlebnis der besonderen Art: ein Mädchen träumt von ihrem eigenen Körper als Landschaft, auf der sich ein Zirkuszelt erhebt. Ein Löwe taucht auf, von dem sich der Zirkusdirektor spannungsreiche Aktionen erwartet. Dem Mädchen gelingt
es aber, den Direktor auszustechen und ihrem Traum eine andere Richtung zu geben. Erzählungen über Träume pendeln oft zwischen Übergenauigkeit und Vagheit. Auch bei dieser Geschichte werden die jungen Leser:innen womöglich über so manchen "Knick" in der Traumlogik stolpern. Dass es dem Kind gelingt, in einer Art Selbstermächtigung den eigenen Traum zu revidieren, ist eine bemerkenswerte Wendung. Der Text nähert sich der gesprochenen Sprache an und wartet zusätzlich mit einer Besonderheit auf: die freien Rhythmen lassen lyrische Verse anklingen und werden sich schön vorlesen lassen. Bei der Illustrierung wiegen die Ungereimtheiten schwerer. Hier verliert sich so manches Motiv in abstrakter Form – was aber der atmosphärischen Darstellung eines Traums entgegenkommt. Die farbenfrohen, expressiven Blätter bestehen aus collagierten Ölbildern; hier hat manches Mal die Schere den Lesefluss gestoppt. Doch kommen so die Seltsamkeiten eines Traumerlebnisses in Bild und Text wirkungsvoll zum Ausdruck. So hält die Lektüre ein Staunen über das eigene Welt-Bild bereit, in dem sich eine träumerische Poesie entfalten kann.
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Ich war die ganze Welt
Ulrike Möltgen
Peter Hammer Verlag (2025)
[40] Seiten : farbig
fest geb.
Borromäus-Altersempfehlung: ab 4