Der Schlafwagendiener
Der 28-jährige Schwarze Baxter will unbedingt Zahnmediziner werden. Für die Ausbildung reichen seine bisherigen Ersparnisse nicht aus. So verdingt er sich als Schlafwagendiener bei der Canadian Pacific's Trans-Canada Limited. Das ist ein Knochenjob,
zumal der Diener an unterster Stelle des gesamten Personals steht. Alle sind ihm übergeordnet, der Schaffner, der Koch, der Kellner. Baxter muss zu allem gute Miene machen, die teils überaus skurrilen Wünsche der reichen, weißen Fahrgastklientel mit freundlicher Miene, immer mit einem Lächeln, erfüllen. Er ist permanent übermüdet, hungrig und voller Sorge, dass ihm ein Passagier ein tatsächliches oder eingebildetes Vergehen ankreidet, was seine Entlassung zur Folge haben würde. Sein Strafpunktekonto ist eh schon bedenklich gefüllt. Zum Problem wird auch Baxters seinerzeit noch strafwürdige Homosexualität, die trotz der nicht unwillkommenen Avancen des einen oder anderen Passagiers Gefahr läuft, offenbar zu werden. Und dann gibt es auf der Strecke eine Schlammlawine; der Zug kann für viele Stunden nicht weiterfahren. Die teils abstrusen Verhaltensweisen der Reisenden sind jetzt für das Personal, hier vor allem für den Schlafwagendiener, eine kaum noch zu bewältigende Aufgabe. – Dieser Roman ist ein Sittenbild der damaligen Gesellschaft Nordamerikas; Rassismus und Herabwürdigung, Diskriminierung ziehen sich durch die Geschichte. Die umfangreiche Literaturliste zeigt, wie ausgiebig die Autorin recherchiert hat. Die zahlreichen Figuren sind beeindruckend gut geschildert. Der Text ist eher sachlich, wenige humorvolle Aspekte lindern ein wenig die an sich traurige Geschichte. Ein ganz besonderer Roman, der preisgekrönten kanadischen Autorin, der zahlreiche Leser:innen verdient.
Erwin Wieser
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der Schlafwagendiener
Suzette Mayr ; aus dem Englischen von Anne Emmert
Verlag Klaus Wagenbach (2024)
236 Seiten
kt.