Paris - Brest
Wie eine Spinne im Netz lauert die Mutter des Ich-Erzählers, sie wacht über das Vermögen ihrer alten Mutter und sie versucht stets die Kontrolle über den Rest der Familie, also über ihre beiden Söhne und deren Vater, zu behalten. Der ältere
Sohn, der hier die Familiengeschichte einer scheinbar ehrbaren und wohlanständigen Familie erzählt, tut dies nicht zuletzt seiner Mutter wegen. Denn sie wird am Ende die Aufzeichnungen ihres Sohnes, die dieser absichtsvoll nachlässig versteckt, lesen und verbrennen. Und in diesem Familienroman, der dem Sohn auch dazu dient, sich selbst alles Erlittene von der Seele zu schreiben, wird der Mutter deutlich vor Augen geführt, wie weit ihre Inszenierung von der Wirklichkeit entfernt ist und wie sich ihre Zielsetzungen gerade durch ihr manipulatives Verhalten ins genaue Gegenteil dessen verkehrten, was sie erreichen wollte. Ausgerechnet der Sohn der Hauswärterin, den die Mutter immer abgelehnt hat, weil er arm ist und angeblich einen schlechten Einfluss auf den Sohn ausübt, wird zum Freund des Sohnes. Weder der Vater, der Geld unterschlagen hat, noch der Ich-Erzähler, der die eigene Oma bestohlen und so unfreiwillig für deren Quasi-Entmündigung gesorgt hat, noch die Homosexualität und Erfolglosigkeit des anderen Sohnes bleiben unerwähnt. - Dieser kleine Roman ist beides: eine perfide Entlarvung des grotesk-komischen Zerrbilds einer heilen Familie und ein spannender, raffiniert konstruierter Krimi. Stören kann man sich an dem manchmal übertrieben causeurhaften Stil des Autors, der geistreich und unterhaltsam sein will, es im französischen Original vielleicht auch ist, in der deutschen Übersetzung aber mitunter etwas manieriert daherkommt. (Übers.: Hinrich Schmidt-Henkel)
Paris - Brest
Tanguy Viel
Wagenbach (2010)
Quartbuch
140 S.
fest geb.