Der Radfahrer von Tschernobyl
Der Held dieser straff und unsentimental erzählten "Realfiktion" über die Katastrophe von Tschernobyl ist Wassili B. Nesterenko (1934 - 2008), einer der einstmals führenden sowjetischen Atomphysiker. Weil er sich sofort in aller Öffentlichkeit
für eine ungeschminkte Bestandsaufnahme und vor allem für adäquate Schutzmaßnahmen für die Millionen von Opfern einsetzt, und weil er mit BELRAD eine Art Hilfsorganisation für Kinder ins Leben gerufen hat, versuchen ihn die sowjetischen Machthaber mundtot zu machen. Er taucht unter, überlebt mehrere Attentate und flieht schließlich in die in der "Todeszone" liegende Geisterstadt Pripjat, die nur vier Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt ist. Hier vegetieren noch einige wenige Dissidenten, Ganoven, verzweifelt an ihrer Heimat Hängende, die freilich alle dem Tod geweiht sind. Hier findet schließlich auch Nesterenko, der "Radfahrer von Tschernobyl" sein Ende, wie uns der nicht näher charakterisierte Ich-Erzähler, der auf fast skurrile Weise in das Schicksal des Helden hineingezogen wurde, mitteilt. - Der von dem spanischen Autor überaus spannend erzählte, aber auch literarisch anspruchsvolle Roman besticht durch eine auf präziser Recherche beruhende Detailkenntnis. So werden zum Beispiel die von Nesterenko koordinierten Rettungsversuche kurz nach dem GAU oder auch die Spekulationen über die Ursachen der Katastrophe unerhört kenntnisreich und plastisch beschrieben. Auch die durch Dokumente (mit Quellenangaben) genau belegten zynischen Reaktionen der politisch Verantwortlichen - in Ost und West - erschüttern den Leser und untergraben leider das Vertrauen in die Redlichkeit politisch Verantwortlicher nachhaltig. Ein sehr empfehlenswertes Lehrstück politischer Manipulation, aber auch persönlicher Integrität und Opferbereitschaft! (Übers.: Anja Lutter)
Der Radfahrer von Tschernobyl
Javier Sebastián
Wagenbach (2012)
Quartbuch
218 S.
fest geb.