Übung in Gehorsam
Die namenlose Icherzählerin, geprägt von einer Herkunftsfamilie mit großer Tradition und vielen Geschwistern, hat den Dienst für andere von Kindesbeinen an trainiert und die eigenen Interessen missachtet. Geschwisterliche Anerkennung gab es im
Tausch für harte Arbeit. Beruflich gibt die Frau ihre Tätigkeit in einer Kanzlei auf, als der älteste Bruder ruft: Seine Frau und die Kinder haben ihn verlassen und er braucht eine Haushälterin. Die Icherzählerin folgt dem Ruf, zieht in eine fremde Umgebung im Norden, in der sie sich mangels Sprachkenntnisse mit der Bevölkerung nicht verständigen kann. Einsam vergehen ihre Tage. Zumal wenn der Bruder nicht vor Ort ist, geht sie ihren Arbeitsaufträgen nach und will sich damit die Zuneigung der Umgebung erarbeiten. Doch das Gegenteil tritt ein: Ihr Erscheinen wird sektiererisch mit negativen Entwicklungen, Seuchenausbruch, Fehlbildungen in Verbindung gebracht. Wohlergehen kennt die Icherzählerin nur dann, wenn sie den Anderen Recht geben kann, "auf ein wesentliches Für-sich-Sein" (100) offensiv verzichtet. Diese Situation dreht sich mit der Erkrankung des Bruders, mit der sich die Machtverhältnisse zwischen den Geschwistern umkehrt, was sich auch auf die Menschen der Umgebung auswirkt. – Bernstein gelingt ein sprachkräftiges Buch voller aufmerksamer Beschreibungen menschlichen Verhaltens und mit Beobachtungen voller des Nachdenkens werter Lebensweisheiten. Dazu verarbeitet sie – im Anhang genannte – namhafte Autor:innen. – Für größere Bestände.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Übung in Gehorsam
Sarah Bernstein ; aus dem Englischen von Beatrice Faßbender
Verlag Klaus Wagenbach (2025)
157 Seiten
kt.