Des Menschen Jahreszeit
Joe Berman ist vor gut 40 Jahren aus der Ukraine in die USA ausgewandert. Dort hat er sich mit seinem besten Freund Riebold eine Existenz als Installateur aufgebaut und eine Familie gegründet. Auch als sein Sohn stirbt, versucht er aufrecht zu bleiben.
Doch nach dem plötzlichen Tod seiner Frau ein paar Jahre später bricht für ihn die Welt zusammen: Seine Töchter führen längst ihr eigenes Leben. Zuhause, in der Einsamkeit, rebelliert Joe wütend gegen sein Schicksal. Immer wieder reflektiert er in Tagträumen sein vergangenes Leben, seine guten und schlechten Zeiten. Doch die Trauer fängt ihn immer wieder ein und macht ihn hilflos. Erst spät gelingt es ihm, sein Schicksal anzunehmen. Er beschließt, sein Haus, das ihn immer wieder an die schöne Zeit mit seiner Familie erinnert, zu verlassen und zu einer seiner Töchter zu ziehen. – Edward Lewis Wallant war einer der vielversprechendsten US-amerikanischen Autoren der Nachkriegszeit. Leider konnte er nur zwei Romane veröffentlichen, bevor er mit nur 36 Jahren an einem Aneurysma starb. Sein erster Roman, "Der Pfandleiher", wurde von Sidney Lumet verfilmt. Auch in "Des Menschen Jahreszeit" zeigt Wallant seine literarische Klasse: Mit viel Einfühlungsvermögen und einem lakonischen, gerade dadurch brillanten Stil – der den eintönigen, von Wut und Trauer geprägten Alltag der Hauptperson eindrucksvoll nachempfinden lässt – erzählt er vom Leben und seinen Höhen und Tiefen, dem Schatz, aber auch dem Fluch der Vergangenheit, der nicht gelingen wollenden Suche nach einem Sinn des Lebens. Die Übersetzung von Barbara Schaden ist sehr gelungen. Für alle Leser, die ein gutes, aber wenig bekanntes Stück Weltliteratur genießen wollen.
Günter Bielemeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Des Menschen Jahreszeit
Edward Lewis Wallant ; aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Schaden
Verlag Klaus Wagenbach (2025)
200 Seiten
kt.