Lieber Fremder
Die Kinder Oliver und Mary müssen in kürzester Zeit gravierende Verluste hinnehmen: Plötzlich stirbt ihr Vater, woraufhin die Mutter schon bald den Nachbarn heiratet und mit den Kindern zu ihm zieht. Den kleinen adoptierten Bruder der Geschwister
übergibt die Mutter an eine andere Pflegefamilie. Daraufhin zieht sich Oliver zurück. Er beginnt, Erinnerungen, die ihm selbst verwehrt wurden, für andere zu schaffen, indem er Fotoshows für Angehörige von Verstorbenen produziert. Als er in einem Verkäufer eines Supermarkts seinen Adoptivbruder zu erkennen glaubt, fotografiert er sich selbst in Verkleidung seines Vaters, um sich dadurch dem Bruder wieder anzunähern. - Der Roman liest sich wie ein Film, in dem Momentaufnahmen der Figuren auf deren innere Verfassung schließen lassen. Die sachlich-klare Sprache passt sich der fotografischen Lebensbetrachtung des Protagonisten an. Ein Buch, das ohne innere Monologe und längere Erzählpassagen auskommt und so die Unfähigkeit seiner Figuren thematisiert, ihrer Gefühlswelt sich selbst und anderen gegenüber Ausdruck zu verleihen. (Übers.: Ulrike Thiesmeyer)
Adelgundis Hovestadt
rezensiert für den Borromäusverein.
Lieber Fremder
Meg Mullins
Bloomsbury (2011)
316 S.
fest geb.