Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten
Der durch den Monumentalroman "Zone" bekannt gewordene französische Autor erzählt in diesem schlanken Roman in einer wunderbar klaren, bestechend ungekünstelten Diktion eine fiktive Episode im Leben Michelangelo Buonarottis. Der Künstler, damals
(Sommer 1506) schon berühmt wegen seiner "Pietà" und seines "David", hatte laut Giorgio Vasari (zeitgenössischer Biograf) vom türkischen Sultan das Angebot erhalten, eine Brücke über den Bosporus zu bauen. Soweit man weiß, hat Michelangelo dieses Angebot nicht angenommen. Énard jedoch erzählt die Geschichte genau anders herum. Michelangelo hätte sich nach Konstantinopel begeben und die Brücke tatsächlich konstruiert, und zwar aus Verärgerung über die mangelnde Wertschätzung, die er in Rom fand, aus künstlerischem Ehrgeiz, denn sein großer Rivale Leonardo da Vinci war an dieser Aufgabe bereits gescheitert, und wegen des enormen Honorars, das der Sultan ihm versprochen hatte. Mit der ausgesprochen präzisen, sehr authentisch wirkenden Beschreibung des Schaffensprozesses verknüpft ist eine doppelte Liebesgeschichte - die genauso wenig Vollendung findet wie das Brückenbauwerk, das Orient und Okzident verbinden sollte. Eine geheimnisvolle andalusische Tänzerin wirbt ebenso erfolglos um den Künstler wie ein berühmter türkischer Dichter, der Michelangelo dennoch in selbstloser Weise vor einem Mordkomplott bewahrt. Letztlich flieht Michelangelo verstört und enttäuscht aus der Stadt der Ungläubigen in die Arme des Papstes und die im Bau befindliche Brücke wird durch ein Erdbeben zerstört. - Énard erzählt so fesselnd authentisch, dass man als Leser glauben möchte, dass sich die Geschichte genau so abgespielt hat. Vermutlich enthält die Fiktion des ausgewiesenen Orientkenners Énard mehr Wahrheit als manche historische Abhandlung, die sich sklavisch an die sogenannten Fakten hält. (Übers.: Holger Fock, Sabine Müller)
Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten
Mathias Énard
Berlin-Verl. (2011)
172 S. : Ill.
fest geb.