Dunkle Renaissance
Über das kurze Leben Christopher Marlowes, eines Zeitgenossen von William Shakespeare, ist wenig bekannt. Er wurde mit 29 Jahren bei einem Wirtshausstreit erstochen. Wie kann man da eine 415 Seiten umfassende Biografie vorlegen? Harvard-Professor
Stephen Greenblatt stellt Marlowe als Repräsentanten und zugleich als Revolutionär seiner Zeit vor. Und dazu bringt er reichlich Material in lebendiger Zeichnung, so dass die vielen Seiten von Anfang bis Schluss spannende Lektüre sind. Diese Epoche Englands war eine aufregende und gefährliche Zeit, geprägt vom Kampf um den englischen Thron, von der Verfolgung der katholischen Kirche, von wilder Repräsentationslust und Ausleben des eigenen Ichs. Greenblatt nennt die allgemeine politische Lage in dieser Zeit alptraumhaft, ohne Gedankenfreiheit, Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit. Marlowe, Sohn eines Schusters, konnte in Cambridge studieren und fand die Beachtung einflussreicher Persönlichkeiten. Sein außergewöhnliches poetisches Geschick und sein Bühnenerfolg, so Greenblatt, habe den Zugang zur Aristokratie ermöglicht. Er provozierte gern, meist wirksam versteckt, fand notfalls einflussreiche Helfer, denn er war eine interessante Persönlichkeit. In seinen Theaterstücken gestaltete er die Hauptfiguren als vielseitige, rücksichtslose und machtgierige Superhelden und trieb so den Persönlichkeitskult der Renaissance auf die Spitze. Dies verdeutlicht Greenblatt besonders an „Tamburlaine“ und dem Faustdrama. Relativ kurz geht Greenblatt auf Marlowes Frühwerk wie die Übersetzung von Ovids „Amores“ und das Dido-Drama ein. Seine Lyrik findet etwas mehr Beachtung. Zusammenfassend stellt Greenblatt fest, Marlowe habe mit seinem Geist und seinen erstaunlichen Leistungen den Genius der Renaissance geweckt. Der Untertitel dieser Biografie formuliert Marlowes Rolle allerdings zu reißerisch. Dieses Buch samt seinen Schwarzweiß-Bildern und Anmerkungen nimmt man immer wieder gerne zur Hand.
Bernhard Grabmeyer
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Dunkle Renaissance
Stephen Greenblatt ; aus dem Englischen von Susanne Held
Siedler (2026)
415 Seiten : Illustrationen
fest geb.