Clara
Von ihrer Agentur war die Autorin angeregt worden, Claras Leben aus der feministischen Perspektive zu betrachten. Ihr Focus liegt dementsprechend deutlich darauf, wie sich das ehemalige musikalische Wunderkind gegen die Beschränkungen ihrer Zeit auflehnt.
Sie wehrt sich z.B. gegen die Dominanzwünsche ihres Ehemannes trotz ihrer Liebe zu ihm. Halt ihres Lebens sei nicht ein Mann, sondern der Beruf als Künstlerin, so Christine Eichel. Schon die Zeit vor ihrer Ehe wird als "erbitterter Geschlechterkampf" bezeichnet. Christine Eichel lobt Clara als "wahre Selfmadewoman". Trotz dieser feministischen Tönung ist eine lebhafte Lebensbeschreibung entstanden, die das vom Vater gedrillte Mädchen, die verliebte junge Frau, die ehrgeizige, sehr disziplinierte und gefeierte Künstlerin und Konzertmanagerin lebendig und mitfühlend vor Augen stellt. Mit Kopfschütteln spricht Christine Eichel vom "problematischen Kindersegen" des Paares, wenn so massiv der Karrierewille dominiert; denn als Mutter kann Frau Eichel nicht Claras kühle, ja herzlose Haltung ihren Kindern gegenüber verstehen, die bloß funktionieren sollen. Anlässlich dieses "Stakkatos der Schwangerschaften", so die Biografin, wird man gleich über Verhütungsmöglichkeiten dieser Zeit informiert, werden auch die zwei gewollten Fehlgeburten erwähnt. Als Musikkennerin spricht die Autorin über Claras Kompositionen, z.B. die "Quatre pièces caractéristiques op. 5" und zeigt auch auf, wie Clara etwa Roberts "Lied der Braut" op. 25/11 zu verbessern weiß. Weil das Musikleben dieser Zeit zum Thema gehört, erhält man zugleich Informationen zu anderen berühmten Künstlern, besonders zum langjährigen Freund Johannes Brahms. Der Untertitel "Künstlerin, Karrierefrau, Working Mom" stimmt schon auf Frau Eichels ausgeprägte Vorliebe für modische Ausdrücke der Medienwelt ein. Eine Zeittafel, Anmerkungen und Quellenangaben dienen als weitere Informationen. Insgesamt ein Buch, das einen faszinieren kann. – Vor Kaiser: "Adagio" (in diesem Heft), das das Verhältnis zu Brahms thematisiert.
Gertrud Grabmeyer-Lanzl und Bernhard Grabmeyer
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Clara
Christine Eichel
Siedler (2024)
431 Seiten : Illustrationen
fest geb.