Nationale Interessen
Gerade in Zeiten tiefgreifender Umbrüche müssten die nationalen Interessen aller Spieler auf internationaler Bühne ungeschminkt, das heißt ohne moralische Rahmungen, wahrgenommen werden. Und diesen die ureigensten Prioritäten Deutschlands gegenübergestellt
werden. Das ist noch immer der Kern des außenpolitischen Credos des ehemaligen SPD-Politikers Klaus von Dohnanyi. Die vorliegende Aktualisierung seines titelgleichen Buchs aus dem Jahr 2021 fordert aber deutlich schärfer eine größere außenpolitische Selbstständigkeit von den USA, unabhängig von der Person des amtierenden Präsidenten. Denn gerade die Erweiterung der Nato nach Osteuropa sei ein wesentlicher Auslöser für den Angriffs Russlands auf die Ukraine gewesen. Deutschland und die EU sollten eigene Standpunkte in der Weltpolitik behaupten. Mit dieser Aktualisierung seines politischen Vermächtnisses hinterfragt Klaus von Dohnanyi viele Positionen der Berliner Republik. Er tut dies meist mit hanseatischer Nüchternheit, gelegentlich aber geradezu zornig. Dem Grundsatz "Si vis pacem, para bellum" fügt er beispielsweise die Formel hinzu, dass wer Frieden wolle, zuerst mit seinen Feinden reden müsse. Das dürfte nicht jedem Leser gefallen, landen Akteure mit ähnlichen Positionen doch häufig in der Schmuddelecke der Gesellschaft. Wer bereit ist, sich ohne Schere im Kopf auf die An- und Einsichten dieses "Elder Statesman" einzulassen, erhält einen Fundus unorthodoxer Sichtweisen zur Rolle Deutschlands in der Welt. Sehr beeindruckend. Empfehlenswert für jeden Bestand.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Nationale Interessen
Klaus von Dohnanyi
Siedler (2025)
299 Seiten
fest geb.