Das amerikanische Beben
Die Wissenschaftlerin mit Schwerpunkt Zeitgeschichte zeigt Gefühle und persönliche Ansichten zu aktuellen politischen Entwicklungen, wirkt angefasst von Strömungen, die ihrem inneren Kompass zuwiderlaufen. Christina Morina hat in den letzten Jahren
viel erreicht; ihre Bücher haben achtbare Preise gewonnen und sie durfte im Deutschen Bundestag zum 75. Jahrestags des Grundgesetzes sprechen. Mit ihren Einlassungen zu den USA unter Donald Trump und den möglichen Wechselwirkungen auf die Politik Deutschlands legt sie viel von ihrer akademischen Nüchternheit ab. Morina war 2025 für fast ein Jahr Gastprofessorin in New York. Sie schildert anhand ihrer Dozententätigkeit und Alltags Ablehnung, ja Verachtung gegenüber der Person und Politik Donald Trumps. Auch wer ihrer scharfkantiger Trennung von Gut und Böse – ein Drittes ist selten gegeben – nicht folgen mag, bleibt wegen ihres eingängigen, eloquenten Erzählstils dran. Die pejorative Wortwahl für alles von ihr als „rechtspopulistisch“ Etikettierte ist an Unbedingtheit schwer zu übertreffen; ebenso ihre teils recht pausbäckigen Laudationen für die Gegenseite. Gefangene werden nicht gemacht. Elon Musk ist „Antisemit“, J.D. Vance ein „Frauenverachter“, Donald Trump Faschist, Illiberaler und Rassist. Analysen, Erläuterungen für ihre barschen Zuschreibungen sind, falls überhaupt, auf Petitessen oder singuläre Ereignisse beschränkt. Das Buch wirkt wie das Resultat einer Schreibtherapie, ein Trostbuch für die Autorin und Seelenverwandte, dass man trotz allem auf der richtigen Seite steht. Die persönliche, verletzte Seite von Frau Morina weckt Sympathien beim Leser. Kluge Anstöße, Erkenntnisse mit Substanz sind dagegen rar gesät.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Das amerikanische Beben
Christina Morina
Siedler (2026)
206 Seiten
fest geb.