Uns geht die Sonne nicht unter
Viele Schriftsteller haben ein Ur-Erlebnis, dem ihr Schreiben entspringt. Bei dem nunmehr über 90-jährigen Arno Surminski sind es die Vertreibung aus seiner ostpreußischen Heimat und die traumatische Flucht mit einem Güterzug nach Frankfurt/Oder.
Auch sein jüngster Band mit Erzählungen kreist vorwiegend um diese Kindheitserfahrungen. Die Titelgeschichte handelt von einem Lokführer, der Ende Januar 1945 eine Gruppe von Hitlerjungen von Leipzig nach Berlin fahren soll, die letztlich an die Ostfront kommandiert werden. Als die Rote Armee in Berlin einmarschiert, werden uniformierte Deutsche erschossen. Zum Lokführer sagen die russischen Soldaten: „Den brauchen wir noch.“ Das Gerade-noch-Davongekommensein, Schuld und Schicksal, Massenwahn und Einzelbehauptung, das sind die Themenkreise, die Surminskis Stories auf schmalen Spuren in konzentrierten Kurzepisoden entfalten. Und zwar nicht nur in der Nachkriegszeit, sondern auch in der Gegenwart. Da sagt der Kirchendiener einem alten Ehepaar während der Heiligabendmesse, dass ihr Haus brenne („Unheilige Nacht“). Da setzt ein des Lebens müder alter Mann gegen den selbst bestimmten Todestag den Entschluss, das eigene Leben aufzuschreiben. Religiöse Figuren tauchen auf, ein „Engel auf der Rolltreppe“, eine „Madonna am Berg“. Andere Erzählungen befassen sich mit der Frage, ob es ein gerechtes Schenken gibt oder warum Geschenke von Fremden besser nicht angenommen werden. Mit Galgenhumor geschrieben ist die Geschichte von einem Autor, der auf der Fahrt zu seiner Lesung im Radio seine eigene Todesanzeige hört. Bei der Lesung erfährt er, dass die Falschmeldung ihm selbst zugeschrieben wird und sein Buch zu einem Bestseller macht. Ein erfahrungssattes und überaus lesenswertes Buch.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Uns geht die Sonne nicht unter
Arno Surminski
Ellert & Richter Verlag (2025)
160 Seiten
fest geb.