Spur und Abweg
Was hat das eigentlich alles mit mir zu tun? Kurt Tallert setzt sich mit der Geschichte seines Vaters und dessen Familie auseinander. Sein Vater, 1927 geb. als Sohn eines jüdischen Vaters und einer protestantischen Mutter, daher kein Jude, wird von
den Nazis als „Mischling 1. Grades“ 1944 inhaftiert. Nach dem Krieg wird er Bundestagsabgeordneter der SPD und in zweiter Ehe Vater von vier Kindern. Sein Sohn Kurt ist 12 Jahre alt, als der Vater an Krebs stirbt. Er liest die Briefe seines Vaters aus der Haft an Mutter und Schwester, Notizen und Gedichte aus späterer Zeit und besucht Orte, wo sein Vater oder dessen Familienangehörige waren oder gewesen sein könnten. Das Leben des Vaters, mit 17 Jahren in nationalsozialistischer Haft, das Überleben von Cousin und Cousine durch Flucht in die Schweiz, das Leben seines Großvaters, der ausgegrenzt wurde, durch seine protestantische Frau leidlich geschützt war, einige Monate in Theresienstadt war, und schließlich das seiner Urgroßmutter, die über 80-jährig nach Auschwitz deportiert wurde, werden unterschiedlich ausführlich in den Fokus genommen. Die Geschichte einer Familie, die durch die Nationalsozialisten zerrissen, beschädigt, z.T. zerstört worden ist, ist eigentlich durch die vorhandenen Briefe, Notizen und Ergänzungen aus Texten anderer Verfolgter interessant und Warnung in heutiger Zeit. Doch machen die Art des Schreibens und die Motivation und Intention des Schreibenden das Lesen schwierig. Im Alter von 6 Jahren hat seine Mutter ihn in das ehemalige KZ Buchenwald mitgenommen – er behauptet, dass dieser Besuch ihn geprägt habe. Hass sei in dem Moment in ihm aufgestiegen (S. 35), er sei verbittert mit 6 Jahren, wie es sonst wohl nur Greise tun. (S. 37). „Ich glaube, an diesem Tag wurde mir die Skepsis als eine Art Urvertrauen in die Enttäuschung eingepflanzt“ (S. 37) „Von diesem Tag an war ich voreingenommen.“ (S. 39) „Als ich mit 6 Jahren das erste Mal vom Holocaust hörte und begriff, dass mein Vater ein Überlebender war, identifizierte ich eine unendliche Leere als Teil meiner selbst. Mich erfüllte die Kenntnis von dieser Leere, als ich mit Kinderaugen in die Welt und zu meinem Vater aufschaute.“ (S. 218) „Einen ermordeten Menschen in der Familie zu haben, löste bei mir als Kind ein merkwürdiges Gefühl aus, schuf Nähe zu ihm, forderte bedingungslose Solidarität mit einem Geist. Die Gewissheit der Auslöschung als rigoroser Existenzbeweis.“ (S. 225).
Barbara Schürmann-Preußler
rezensiert für den Borromäusverein.
Spur und Abweg
Kurt Tallert
DuMont (2024)
237 Seiten
fest geb.