Das kalte Jahr
Der Ich-Erzähler arbeitet, abgeschottet durch Klimaanlage, Neonröhren und eine nach außen undurchdringlich scheinende Glasfront, in einem modernen Bürokomplex. Beim Blick nach draußen erinnert er sich an seine Zeit mit Richard, einem kleinen Jungen,
mit dem er eine Zeitlang im Haus seiner verschwundenen Eltern gelebt hat. Mit Geschichten über die Vergangenheit des Ortes seiner Kindheit, der einmal Militärgebiet war, aber auch mit Berichten über das aktuelle Geschehen versuchte er damals, Richard näher zu kommen, aber letztlich haben sie weniger mit- als nebeneinander dort gelebt. Die den Kapiteln vorangestellten Fotos und Zeichnungen erleichtern es dem Leser, den Erinnerungen und visuellen Eindrücken des Erzählers zu folgen. Die abstrakte Erzählweise und die nur angedeutete Charakterisierung der Figuren gehen einher mit der Wahrnehmung des erzählenden Protagonisten, der die Welt als anonymes Konglomerat aus Materie, Landschaft und anonymen und ohne einander lebenden Menschen beschreibt. Ein poetisches Buch, das konzentriertes Lesen erfordert. Roman Ehrlich präsentierte einen Auszug aus diesem Roman - sein Debüt - beim Bachmannpreis 2013. Lesern mit hohem literarischen Anspruch und Freude an literarischen Experimenten empfohlen.
Adelgundis Hovestadt
rezensiert für den Borromäusverein.
Das kalte Jahr
Roman Ehrlich
DuMont (2013)
248 S. : Ill.
fest geb.