Abwesend
Dass sich in der Post seines schwerkranken Vaters u.a. ein in Zürich abgestempelter Brief einer Unbekannten befindet, in dem von einer 20-jährigen Tochter die Rede ist, irritiert den gebürtigen Schweriner Christoph Radtke. Sollte der inzwischen
emeritierte Professor anlässlich einer 1980 erfolgten Einladung der ETH Zürich fremdgegangen sein? Christoph, ein arbeitsloser Architekt um die 30, begibt sich auf Spurensuche. Indem er den Werdegang seines beruflich erfolgreichen Vaters nachvollzieht, begegnet er sich selbst und sieht sich u.a. im Kreis seiner Familie, in der - die Politik betreffend - mit zwei Zungen gesprochen wurde. Ebenso lebendig werden die Ereignisse vom November 1989, gegenüber denen sich sein Vater zunächst zurückhaltend verhielt. Aus Vergessenem und auch Verdrängtem entsteht der Alltag einer DDR-Familie, in der das Parteibuch des Vaters den ererbten Besitz der Mutter kompensierte. Anhand der dargestellten individuellen Lebenswege gelingt es dem Autor (* 1968), den Funktionsmechanismus des politischen Systems in der DDR aufzuzeigen. Dass unter literarischem Aspekt ein konzentriertes, Haupt- von Nebensächlichem trennendes Erzählen nicht konsequent genug durchgehalten wurde, wird durch das Authentische des als Zeitdokument zu lesenden Romans aufgewogen.
Kirsten Sturm
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Abwesend
Gregor Sander
Wallstein (2007)
154 S.
fest geb.