Wintermalerei

Harald Hartung, 1932 in Herne geboren, ist ein Dichter, der sich auf sein Handwerk versteht und es als Sache der Hände zu schätzen weiß, ganz im Sinne von Paul Celan, der einmal ein gutes Gedicht mit einem "Händedruck" verglich. Sein Band mit den Wintermalerei gesammelten Gedichten 1957-2004 dokumentiert das unter der unverzagten Titulierung "Aktennotiz meines Engels" (2005). Auch Hartungs neuer Band "Wintermalerei" spielt unaufdringlich auf der Klaviatur bewährter Formen: Volksliedstrophe und Sonett, Kurz- oder Langzeile. Wichtiger aber für den modernen Melancholiker, der apokalyptische Töne scheut und die Bukolik nicht verachtet, ist das Thema des höheren Lebensalters. Es spiegelt sich in der Kälte der Welt, der Winterlichkeit der Natur, der Zeittiefe der Erinnerung, der Hinfälligkeit der Kreatur, aber auch im gewachsenen Erfahrungswissen, das Abschiednehmen und Tod mitumfasst, im gelassenen Betrachten der Dinge. Gerade diese lichtvollen Augenblicke sind die Kernzellen des Gedichts. Sie bestehen in der Entdeckung einer "vergessenen Zeile", in der Erinnerung an die unmittelbaren Nachkriegsmonate, als die Mutter vom Betteln mit "einer Dose Apfelmus" und "einem Nagel" zurückkam, in der Betrachtung von Heiligenbildern (Sankt Georg und Augustinus), in dem Nachruf auf den Dichterkollegen Auden, der sein letztes Gedicht vernichtete, ein Haiku, weil es zwei überzählige Silben hatte. Bei alledem wirkt eine Bescheidenheit des Ausdrucks mit, der selten geworden ist in der modernen Lyrik: "Nun gut", weiß Hartung, "in Jahren kommt wohl was zusammen / ein Haufen Verse doch kein Canzoniere". - Empfehlenswert für größere Bestände.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Wintermalerei

Wintermalerei

Harald Hartung
Wallstein (2010)

78 S.
fest geb.

MedienNr.: 339127
ISBN 978-3-8353-0777-3
9783835307773
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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