Wildnis
Gottfried Schult lehrt Geschichte in Cambridge, nach England kam er jedoch nicht aus Karrieregründen, sondern um seiner dominanten Mutter zu entkommen. Schults eigentliche Leidenschaft gilt nur einem Projekt: dem Schreiben eines Romans über die Bombardierung
Hamburgs. Nach der Emeritierung seines Vorgesetzten wird die vakante Position an einen jüngeren Kollegen vergeben, was den Professor enttäuscht zurücklässt. Er erfüllt nur noch seine akademischen Verpflichtungen, lässt sich oft krankschreiben und arbeitet an seinem Roman, der jedoch kaum Fortschritte macht. Erst an seinem 60. Geburtstag kommt es zu einer entscheidenden Wende: In einem Pub lernt er Ely kennen und beginnt eine Beziehung mit dem 30 Jahre jüngeren Mann. Zum ersten Mal wagt er es, seine Homosexualität zu leben. In den intensiven Gesprächen mit Ely kommt nach und nach ein lang verborgenes Trauma ans Licht, brechen verdrängte Erinnerungen auf: an den Hamburger Feuersturm von 1943 und an seine Schwester Toni, die während des Bombardements umgekommen ist, an die Panik, die Schuldgefühle, die Sprachlosigkeit. 50 Jahre lang ist Schult vor diesen Geistern davongelaufen, nun holen sie ihn unerbittlich ein. – Der Roman zeichnet die schmerzhafte Innenwelt eines Mannes nach, der sich seiner Vergangenheit stellen muss. Quälende Fragen nach Schuld und Verantwortung kommen auf: Ist seine Schwester durch seine Schuld umgekommen? Kann ein sechsjähriger Junge für ein solches Ereignis verantwortlich gemacht werden? "Wildnis" ist zugleich Erinnerungsroman, Campusgeschichte und Liebesgeschichte. Der Autor verwebt expressiv geschilderte Kriegsszenen mit den Reflexionen über das kollektive Trauma der Kriegsgeneration. So entsteht ein vielschichtiger Text über das Ringen mit Verdrängung, Schuld und Sprachlosigkeit – aber auch über die Sehnsucht nach Glück. Dieser intensive, verstörende Roman geht unter die Haut, er richtet sich v. a. an zeitgeschichtlich interessierte, problembewusste und nervenstarke Leserinnen und Leser.
Günther Freund
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Wildnis
Hinrich von Haaren
Wallstein Verlag (2025)
290 Seiten
fest geb.