Von Vieh und Vögeln
Coro setzt sich ins Auto und fährt in die Dunkelheit hinaus – ohne zu wissen, dass sie sich Batania nähert. Ein abgelegenes Haus, mitten im Nirgendwo. Sie bittet um Hilfe und wird eingelassen. Hier leben ausschließlich Frauen. Sie kleiden sich
gleich, feiern seltsame Feste und gehen ihren eigenen Bräuchen nach. Überall sind Hunde, wachsam, beinahe wie Hüter dieses abgeschlossenen Kosmos'. Die Natur ringsum wirkt ungezähmt. Ein gewaltiger Felsen verschlingt das Licht. Ein See zieht sich wie eine unsichtbare Grenze durch die Landschaft, über der unaufhörlich Vögel kreisen. Trotz ihres anfänglichen Fluchtinstinktes bleibt Coro in dieser Gemeinschaft. Es ist, als halte sie nicht nur dieser Ort fest, sondern auch etwas in ihr selbst. Ihr Widerstand nimmt ab, ihre Zerrissenheit glättet sich, nicht abrupt, eher gedämpft. Und während sie bleibt, ohne zu wissen warum, beginnt sie etwas zu finden, was sie nicht gesucht hat: eine verstörende Form von Zugehörigkeit. Pilar Adon, vielfach in Spanien ausgezeichnete Autorin, entfaltet hier eine leise, unaufdringliche Kunst des Erzählens. Der Text vermittelt eine melancholische Ruhe. Eine Sprache, die nichts erklärt, sondern sanft umkreist, nichts festhält, sondern verwandelt. Coro nähert sich langsam den eigenen Gefühlen des Verlustes an. Die Autorin erzählt darüber, was die Trauer mit uns macht, wenn wir einen geliebten Menschen verloren haben. Der Titel des Romans "Von Vieh und Vögeln" deutet auf diese Gegensätzlichkeit der inneren Prozesse hin: oben und unten, Erde und Wasser, disziplinierte Menschen gegen die Natur. Für eine literarisch, erfahrene Leserschaft gerne empfohlen.
Silvia Eilers
rezensiert für den Borromäusverein.
Von Vieh und Vögeln
Pilar Adón ; aus dem Spanischen von Susanne Lange
Wallstein Verlag (2026)
234 Seiten
fest geb.