Dann schlaf auch du
Sie scheint zu perfekt, um real zu sein: Kinderfrau Louise, die im Haushalt des karrierebewussten Ehepaars die Kinderbetreuung übernimmt. Dazu übernimmt sie alle Aufgaben einer Haushälterin. Und da die beiden Kinder sie lieben, erscheint sie Myriam,
der Mutter, wie ein Geschenk des Himmels. Doch der Hörer weiß mehr; denn die Geschichte beginnt mit dem tragischen Ende, dem Mord an den beiden Kindern durch Louise. Und nach und nach lernt der Leser auch Louises seelische Verletzungen kennen, die den Weg zu der Tragödie bereiteten. Dem Ehepaar fallen zwar einige Absonderlichkeiten ihres Kindermädchens auf, aber zu groß ist schon die Abhängigkeit von ihrer ordnenden Hand in dem ansonsten chaotischen Haushalt geworden. Louise dagegen beginnt fast wie ein bösartiger Pilz sich in das Leben der anderen einzunisten. Sartres Satz "Die Hölle, das sind die anderen" wird hier von der Autorin akribisch bestätigt, sorgsam zeichnet sie den Weg einer liebenden Frau zu einem psychopathischen Monster nach. Der Roman verlangt dem Hörer/Leser einiges ab. Er muss den tragischen Tod von zwei kleinen Kindern ertragen. Und er muss den Blick hinter die Kulissen einer Frau aushalten, deren eigene Verletzungen jegliches Mitgefühl zerstörten und dadurch die Tragödie auslösten. Nur für seelisch gefestigte Lesern/Hörer, dann aber ein großartiges Psychogramm einer Mörderin und ein eindringliches Plädoyer dafür, sehr genau auf die seelischen Nöte der Mitmenschen zu achten. Dabei weist es generell einen Weg zur Antwort auf die Frage nach dem Warum bei vielen Formen von scheinbar sinnlosen Gewaltausbrüchen.
Lotte Schüler
rezensiert für den Borromäusverein.
Dann schlaf auch du
Leïla Slimani. Gelesen von Constanze Becker
Der Hörverl. (2017)
5 CD (ca. 326 Min.)
CD