Wie ich mich sehe
Das Selbstporträt als intimste künstlerische Gattung wird von Künstlerinnen (ebenso wie von ihren männlichen Kollegen) als Selbstbefragung, Selbstvergewisserung, als Werbung und als Fiktionalisierung genutzt. Hier lässt sich sowohl das reale Aussehen
dokumentieren, als auch der "Möglichkeitssinn" einer Person zum Ausdruck bringen. Was Selbstporträts von Frauen so faszinierend und einzigartig macht, will diese große Kunst- und Sozialgeschichte aufspüren. Etwa 200 künstlerische Werke, deren früheste bis ins 12. Jh. reichen, werden nach ihrer Ausdruckskraft befragt: ist es ein selbstbewusster Blick angesichts des eigenen Könnens, ist es ein intimer Einblick in die Gefühlswelt der Porträtierten, tritt die Person selbstkritisch zurück oder spaltet sich das Ich in verschiedene Rollen auf? Die Autorin geht bei der Beantwortung dieser Fragen chronologisch vor und sie stellt die populärsten Namen (Gentileschi, Kauffmann, Kahlo) denen zur Seite, die es noch zu entdecken gilt. Dabei (und das macht diese Rundschau so interessant) beleuchtet sie auch immer die soziale und familiäre Situation der Künstlerinnen, ungeachtet ob es sich um "malende Amateurinnen" oder um hochgelobte Pionierinnen handelt. Die Begeisterung der Autorin schlägt auf die Leser um und daran haben auch die schöne Ausgestaltung dieses Buches und die exzellente Bildauswahl und Bildqualität großen Anteil. Diesem Werk wünscht man viele Leser, die neugierig genug sind, sich dem Blick der Künstlerinnen mit eigenen Fragen zu stellen.
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Wie ich mich sehe
Frances Borzello
Brandstätter-Verl. (2016)
271 S. : zahlr. Ill. (überw. farb.)
fest geb.