Die Träumerin von Ostende
Die Titelgeschichte handelt von einer stark körperbehinderten alten Dame, Anna van A., die ihre bislang geheim gehaltene Geschichte um ihre große Liebe preisgibt. Diese Geschichte steckt so voller Romantik, Erotik und idealistischer Verklärung,
dass dem Erzähler Zweifel an deren Realität kommen. Schließlich lebt Anna van A. nur mit ihren Büchern und ihrer handfesten und etwas derben Cousine zusammen. Mit den Zweifeln konfrontiert bricht die zarte Dame zusammen und stirbt. Ein geheimnisvoller Bote scheint ihre Geschichte zu bestätigen. Negative Fantasien sind es, die das Ende einer langjährigen, glücklichen Ehe herbeiführen. Sobald eine Freundin in der Frau Zweifel an der Treue ihres Mannes weckt, interpretiert sie jede Äußerung auf der Folie ihres Misstrauens und bringt ihren Mann in paranoidem Wahn um. Auch in der dritten Geschichte lässt die Fantasie, angeregt durch die Lektüre eines Romans, den Protagonisten in wahnhafter Angst einen Eindringling in seinem Ferienhaus sehen. Das tragische Ende zeigt auch hier, wie die ganz großen Gefühle rein imaginativ entstehen und realistisch zerstören können. Und das ist das Thema aller Erzählungen (drei aus fünf des Buches): Überwältigende Gefühle, zerstörerisch oder heilsam, je nachdem wie viel Stärke der Mensch ihnen entgegensetzt. Autor und Sprecher verstehen es, auch für literarisch nicht ganz so Erfahrene großes Gefühlskino zu entwickeln, das bis zum Lösen der Rätsel und dem überraschenden Ende den Zuhörer fesselt.
Lotte Schüler
rezensiert für den Borromäusverein.
Die Träumerin von Ostende
Eric-Emmanuel Schmitt. Mit Matthias Ponnier
Der Audio Verl. (2011)
4 CD (ca. 316 Min.)
CD