Gottesgedichte
Schriftsteller wie Hans Magnus Enzensberger, Peter Huchel, Peter Rühmkorf oder Ernst Jandl verbindet man nicht unbedingt mit religiösen Gedichten. Und doch haben sie in ihren poetischen Werken immer wieder direkt oder in einer sehr verschlüsselten
Form Bezug genommen auf Gott oder auf den in der Welt "abwesenden Gott". Sie und die vielen anderen in dieser Anthologie versammelten Lyrikerinnen und Lyriker arbeiten oder spielen mit dem "Gottesgeschenk Sprache", um sich an Gott zu wenden oder um mit alttestamentarischer Verzweiflung das Fehlen Gottes zu beklagen. Autoren wie Paul Celan, Rose Ausländer, Michael Hamburger oder Erich Fried, die der Shoah entgangen sind, können einfach nicht das Wort an Gott richten, als hätte es Auschwitz nie gegeben. Sie können sich, wie es in einem Gedicht von Nelly Sachs heißt, nur zagend und klagend auf die Suche nach einer unschuldigen Sprache machen: "Wo nur finden die Worte"? In vielen der hier zusammengetragenen Gedichte wird Gott angefleht, er möge den Suchenden Worte schenken, die sie suchen, um vielleicht wieder beten zu können. "Gib mir die gabe der tränen gott/ gib mir die gabe der sprache/ gib mir das wasser des lebens." Nicht der selbstverständliche, der immer und ewig vorhandene Gott und Ansprechpartner der alten, uns vertrauten Gebete steht im Mittelpunkt dieser Gedichte moderner Lyriker, sondern der immer gesuchte, der als fehlend empfundene, vielleicht auch der nach langem Zweifel endlich wieder gefundene Gott. Hervorzuheben ist auch das ausgezeichnete Nachwort von Karl-Josef Kuschel, in dem einige der hier abgedruckten Gedichte interpretiert werden. Vielleicht sollte man diesen Text lesen, bevor man mit der Lektüre der nicht immer leicht verstehbaren Gedichte beginnt.
Carl Wilhelm Macke
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Gottesgedichte
hrsg., mit einem Vorw. und einem Nachw. vers. von Helmut Zwanger ...
Klöpfer & Meyer (2011)
232 S.
fest geb.