Sand und Seide
Die attraktive Modeunternehmerin Dr. Dorothee Dürr (36) ist auf der Flucht vor dem Finanzamt. Auf einer Nebenstraße im Bayerischen Wald bleibt sie mit ihrem Porsche stecken und trifft dort auf den rätselhaften, wild campierenden Horst (37), von
dem sie Hilfe erhofft. Horst aber, offensichtlich aus erfolgreicher Position grundlos gekündigt und sozial abgestürzt, ist ein emotionales Pulverfass, getrieben von Hass, Sehnsucht und sexuellen Gewaltphantasien. Zwischen den beiden beginnt ein hochspannender, ausgewogener Psycho-Kampf im Stil eines Kammerspiels, der auch die Schneiden der sozialen Schere unserer Gesellschaft widerspiegelt, vor allem die hohlen Phrasen der Luxus-Geschäftsbranche. Packend ist auch die Erzählstruktur: eine stets nach längeren Abschnitten wechselnde erzählerische Perspektive, die den Gedankenstrom der Protagonisten abbildet; wiederholt eingearbeitete Beschreibungen der ländlichen sommerlichen Naturidylle, die teils kontrastierend, teils verstärkend wirken; eindrucksvolles Spiel mit Dynamik und Statik - sowohl auf physische als auch psychische Gegebenheiten bezogen; Einsatz eines wahren Wortfeuerwerks auf verschiedenen Sprachebenen und letztlich ein unerwartetes Ende - ein wahrlich meisterhaft zu nennendes Buch von höchster gesellschaftlicher Aktualität. Anspruchsvollen Leser/innen empfohlen.
Birgit Karnbach
rezensiert für den Borromäusverein.
Sand und Seide
Rainer Wochele
Klöpfer & Meyer (2012)
254 S.
fest geb.